Brecht und Hacks über Stalin

Quelle: offen-siv Heft 07/2006 „Kurt Gossweiler: Brief an Robert Steigerwald“

Zwei deutsche Dichter, 1956, nach Chruschtschows berüchtigter Geheimrede:

Peter Hacks:

Er blickt sehr würdig, seiner / sehr sicher auf die Stadt
Unangestrengt wie einer, / der sie gerettet hat.
Der plumpe Narr Nikita / zog ihn aus dem Betrieb
Er tat es seinem Gebieter / in Washington zulieb.

Berthold Brecht:

Der Zar hat mit ihnen gesprochen / mit Gewehr und Peitsche
Am blutigen Sonntag. Dann / sprach zu ihnen mit Gewehr und Peitsche
Alle Tage der Woche, alle Werktage / der verdiente Mörder des Volkes.
Die Sonne der Völker / verbrannte ihre Arbeiter
Der größte Gelehrte der Welt / hatte das kommunistische Manifest vergessen.
Der genialste Schüler Lenins / hat ihn aufs Maul geschlagen.
Aber jung war er tüchtig / aber alt war er grausam
Jung / war er nicht Gott
Der zum Gott wird / wird dumm.

Kurt Gossweiler schrieb dazu in dem in offen-siv veröffentlichten Brief an Robert Steigerwald:

Brechts oben zitiertes Gedicht ist in der Tat der in wenige Zeilen zusammengefasste giftigste Kern von Chruschtschows Stalin-Verdammungsrede. Er, Brecht, den alle Kommunisten so schätzen und verehren als den unversöhnlichen Feind der Ausbeuter und deren Ruhmredner und als den ebenso klugen wie leidenschaftlichen Verteidiger der kommunistischen Sache – Brecht erkannte nicht, was der US-Außenminister John Foster Dulles sehr klar erkannt und triumphierend ausgesprochen hat, als er am 11. Juli 1956 in einer Rede voller Zuversicht voraussagte, „Die Anti-Stalin Kampagne und ihr Liberalisierungsprogramm haben eine Kettenreaktion ausgelöst, die auf lange Sicht nicht aufzuhalten ist.“

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