Politikblog über Venezuela

Im politikblog (“Absolut demokratisch”) befindet sich ein Artikel mit dem Titel “Venezuela – Willkommen im Kreis der Diktaturen!!”. Da steht, gelinde gesagt, sehr viel Unsinn drinne. Einiges davon will ich hier mal kommentieren.

1. “Venezuela hat sich vorgestern vom demokratischen Pfad verabschiedet”
Hat das nicht vor allem die Opposition zu verantworten, die sich 2005 geweigert hat, an demokratischen Wahlen teilzunehmen? Später wird das ja sogar in dem Artikel erwähnt.

2. “Ein Blick in die Geschichtsbücher lehrt, dass dieses Experiment schon im 20. Jahrhundert nicht glückte und Not, Elend und Leid über die betroffenen menschlichen Versuchkaninchen brachte.”
Vielleicht sollte sich der Autor mal die Not und das Elend anschauen, unter welchem viele Länder in Amerika, Afrika und Asien leiden. In welchen davon gibt es einen Sozialismus? Die Menschen haben Chavez gewählt, sie wussten genau, was und wen sie wählen. Chavez hat nie ein Hehl aus seinen Zielen gemacht.

3. “…denn die meisten Probleme des Landes wurden durch Chavez Herrschaft noch verschärft. (…) Ebenso wenig verwunderlich ist denn auch, dass das Bruttosozialprodukt pro Kopf zwischen 1997 und 2003 in Venezuela um sagenhafte 45% schrumpfte. “
Hier hat der Autor bewusst alte Zahlen herangezogen. Er verlinkt zwar auf eine Quelle, diese führt aber auch erstmal nur zum politikblog. Dort steht dann: “Das Bruttosozialprodukt pro Kopf (…) in Venezuela schrumpfte es um 45 (!) %.
Dagegen schreibt die Zeit: “Venezuela erlebte im vergangenen Jahr ein Wirtschaftswachstum von 10,3 Prozent. “
Die Junge Welt schreibt: “Die positive Entwicklung der venezolanischen Wirtschaft bringt eine langfristige Stabilisierung des Landes mit sich. 2000 stieg das Bruttoinlandsprodukt (BIP) nach Angaben der UN-Wirtschaftskommission für die Karibik und Lateinamerika (CEPAL) um 3,7 Prozent. In den Krisenjahren 2002 und 2003 war es unter dem Eindruck des Putsches und von Sabotageaktionen der Opposition noch um 8,9 Prozent, beziehungsweise 7,7 Prozent eingebrochen. Erst 2004 vollzog das BIP einen sagenhaften Sprung um 17 Prozent, 2005 folgte ein Zuwachs von 9,3 Prozent. Für das laufende Jahr wird ein Wachstum von 9,4 Prozent prognostiziert. Wie die CEPAL feststellte, wäre Venezuela damit zum dritten Mal in Folge das Land mit dem stärksten Wirtschaftswachstum in Lateinamerika.”
Auf der Internetseite des Auswärtigen Amtes (sicher auch “absolut demokratisch”, oder?) steht: “Seit Ende 2003 wuchs die venezolanische Wirtschaft wieder deutlich, wobei das hohe Wirtschaftswachstum des Jahres 2004 in Höhe von 17% vom wirtschaftlichen Tieftststand des Vorjahres ausging. 2005 wurde ein Wachstum von 9,3% erreicht. Für 2006 sagen Wirtschaftsexperten ein Wachstum von ca. 8% voraus.”

4. Der Autor schließt mit “Bleibt nur zu hoffen, dass dem Sozialismus in Venezuela ein nur kurzes Leben beschieden sein wird.” seinen Artikel ab. Ja, vor allem für die Kapitalisten, die auf Venezuelas Öl gieren, ist das jetzt noch die einzige Hoffnung.

Vielleicht ist zur Abwechslung noch dieser Abschnitt von Wikipedia interessant:

Erdöl und andere Rohstoffe

Drei Zahlen illustrieren eindrucksvoll, wie bedeutend der Rohstoff Öl für das OPEC Gründungsmitglied Venezuela ist: es steht für vier Fünftel der Exporte des lateinamerikanischen Landes sowie für die Hälfte der Staatseinnahmen und 25 Prozent der Wirtschaftsleistung. 2005 verdiente das Land rund 35 Prozent mehr mit Öl als im Jahr zuvor. Die laufenden Einnahmen der Regierung sind demnach in den ersten sechs Monaten des letzten Jahres um 80 Prozent gestiegen.

Mit dem Anstieg der Einnahmen aus dem Ölgeschäft ist die Wirtschaft stark gewachsen, allein im zweiten Quartal um 11,1 Prozent. Der Internationale Währungsfonds rechnet mit einer Jahresrate von 7,8 Prozent. Auch wenn der Spezialfonds gefüllt wird und obwohl nach Analystenschätzungen ein Haushaltsdefizit von zwei bis drei Prozent auflaufen dürfte, schwimmt der Staat weiter in Geld: Der Wert der Devisenreserven wird auf mehr als 30 Milliarden Dollar veranschlagt; allerdings legt Venezuela diese Reserven nicht mehr in Dollar an.

Der Staat fordert in der OPEC hohe und seiner Meinung nach “gerechte” Preise, sowie Fördermengenbeschränkungen. Seit 2002 kommen die Erlöse aus der Erdölindustrie anscheinend nicht mehr den herrschenden Eliten zugute, sondern werden von der Regierung für Investitionen in die Infrastruktur, vor allem Eisenbahn- und Straßenbau, sowie für Programme in der Sozial-, Bildungs- und Gesundheitspolitik verwendet. Trotz der anhaltenden Spannungen zwischen den Vereinigten Staaten und Venezuela beziehen die Vereinigten Staaten rund 15 Prozent ihres Erdöls aus Venezuela.

Diese Umschichtung der Gewinne aus dem Öl führte 2002 zu einem gescheiterten Putschversuch.

  1. 8 Reaktionen

  2. Von Diktator am 2. Feb 2007 um 18:06 Uhr

    Aber ist nicht das Wirtschaftswachstum auf den Ölpreisanstieg zurückzuführen? Und was würde es schon bringen Sozialismus auf Öl zu bauen? Letztlich sind es also wir, die durch den hohen Ölpreis den Sozialismus in Venezuela bezahlen?

  3. Von Woschod am 2. Feb 2007 um 18:10 Uhr

    Wen wir bezahlen, sind doch in erster Linie die Ölkonzerne.

    “Der weltgrößte Ölmulti ExxonMobil meldete für die ersten neun Monate 2006 einen in der Wirtschaftsgeschichte noch nie erreichten Gewinn von 29,25 Milliarden Dollar (23,4 Milliarden Euro).” Quelle: n-tv.de

  4. Von Anonymous am 4. Feb 2007 um 17:28 Uhr

    Nix

  5. Von Anonymous am 27. Feb 2007 um 02:02 Uhr

    Also ich bin ein Insider. Ich würde sagen das es ist richtig, dass die Wirtschaft in den letzten Jahren gewachsen ist, aber nicht mit einem realen Wachstum, d.h. dass die Inflationsrate sehr hoch war. Dieses Jahr wird sie nach Tendenz ungefähr bei 30 % liegen. Das Wachstum ist auf den hohen Erdölpreis, sowie auf das Wahljahr zurückzuführen. In Wahljahren wird immer sehr viel Geld in die Wirtschaft gepumpt. Das Wahstum beruht aber nicht auf Produktivität. Die Regierungsprograme, sowie die Verstaatlichung und Gründung von Kooperativen im landwirtschaftlichen und industriellen Bereich hatten bis jetzt sehr wenig erfolg, obwohl sehr viele staatliche Mittel in die Projekte investiert wurden,
    sprich Invepal ( Papierwerk), Zuckerfabriken, sowie auch verschiedene Krabbenzuchtbetriebe. Die Mittel wurden zum großen Teil von der Kurruption der jeweiligen Verwalter aufgefressen, sodass zum Beispiel im Delta Amacuro zwar die Mittel zum Aufbau eines Krabbenzuchtbetriebes von Staat zur Verfügung gestellt wurden, aber als die staatliche Kontrollstelle die Investition überprüfte nur ein trockener Weiher und ein paar Löcher vorhanden waren. Merkal, die staalichen Lebensmittelläden sind fast immer halb leer, Leute stehen Schlange wenn es mal beschlagnahmtes Fleisch oder Hülsenfrüchte zum regulierten Peis gibt. Der Staat stellt der armen Bevölkerung nicht genügend Lebensmittel zum regulierten Preis zur Verfügung, d.h. die Leute müssen diese dann zu einem erhöhten Preis auf dem Schwarzmarkt erwerben. Zucker muss man z.B. mit der Lupe suchen und falls man ihn findet, ist es oft nur bei Strassenhändlern, wo man dann natürlich den vier bis fünffachen Preis bezahlen muss, obwohl es dann auch nur brauner Zucker ist. Weißen kann man sowieso nur noch selten finden. Also ist würde den Leuten denen der Sozialismus so gut gefällt mal raten ein paar Jahre hier in Caracas in einem Armenviertel zu leben, d. h. Gasflaschen oder auch Wasser hunderte von Treppen hoch zu schleppen.

  6. Von Niemand am 1. Dez 2007 um 19:13 Uhr

    “Wir” finanzieren auch das Wachstum im Kapitalismus. Dürfen sozialistische Staaten nun Rohstoffe nicht mehr exportieren, nur weil sie gefragt sind und hohe Preise erzielen?

    Chavez ist sicher klug genug um zu wissen, dass es Erdöl allein nicht sein kann.

  7. Von Will mehr Wissen am 29. Feb 2008 um 18:39 Uhr

    Ist Venezuela in seiner Staatsform unter Chavez eher dem Kommunistischem nahe oder dem Nationalen?

  8. Von Woschod am 1. Mrz 2008 um 06:32 Uhr

    Weder noch.

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  2. 5. Feb 2007: politik blog

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