Gibt es heute noch Bourgeoisie und Arbeiterklasse?
29. April 2007 17:21Jochen Hoff vom Blog “Duckhome” bezieht sich unter dem Titel “Kommunismus ist nichts statisches” u.a. auf mein Zitat der Faschismusdefinition aus dem Programm der Komintern von 1928. Ich halte es für nötig, seinen Artikel ausführlicher zu kommentieren.
Richtig schreibt er: “Im Grunde genommen kann der gesamte Auszug so wie er da steht, auf unsere heutige Situation und den neoliberalen Wirtschaftsfaschismus angewandt werden. Das bedeutet im Klartext, das wir seit 1928 nicht sehr weit in unserer Entwicklung gediehen sind.” Dem kann ich so zustimmen. Doch dann fängt er an, zu relativieren.
“Auch wenn Karl Marx viele wichtige Dinge gesagt hat, so kommt er doch aus der Gründerzeit der Eisenbahn…” Anscheinend hält Jochen hier den Kapitalismus von 1848 für einen anderen, als heute, 150 Jahre später. Natürlich ist es richtig, das die Industrie, die Transportmöglichkeiten, die Kommunikation, die Medien (und auch die Waffen) heute wesentlich weiter entwickelt sind, als zur Zeit von Marx und der Entstehung seines Hauptwerkes “Das Kapital” (“Zur Kritik der Politischen Ökonomie”). Doch sind die grundsätzlichen Dinge des Kapitalismus, die Ausbeutung des Menschen durch die Aneignung seiner Arbeitskraft und des von ihm produzierten Mehrwertes heute noch immer die selben. Ohne genau diese Tatsachen, wäre es kein Kapitalismus mehr.
Man liest also bei Jochen Hoff: “Ein Begriff wie Bourgeoisie ist genauso tot wie Karl Marx und der Begriff Arbeiterklasse.” Das ist einfach mal völlig falsch. In der Ausgabe des Kommunistischen Manifest von 1888 kommentiert Friedrich Engels die Überschrift “Bourgeois und Proletarier” folgendermaßen: “Unter Bourgeoisie wird die Klasse der modernen Kapitalisten verstanden, die Besitzer der gesellschaftlichen Produktionsmittel sind und Lohnarbeit ausnutzen. Unter Proletariat die Klasse der modernen Lohnarbeiter, die, da sie keine eigenen Produktionsmittel besitzen, darauf angewiesen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, um leben zu können.” Bisher hat es niemand geschafft, zu beweisen, dass diese Aussage heute nicht mehr zutrifft.
Dabei spielt es aber absolut keine Rolle, ober der Lohnarbeiter, wie Jochen schreibt: “… mit der Pferdekutsche zu Terminen zu fährt oder sich auf die Informationstechnologie aus den Zeiten von Che zu beschränkt” oder ob er im Mercedes 190 D zu seiner Arbeitsstelle fährt und dort das Internet zur Kommunikation mit Kollegen nutzt. Solange er für den Besitzer der Produktionsmittel arbeitet, solange er selber keine Produktionsmittel besitzt, solange verkauft er seine Arbeitskraft als Ware an die Kapitalisten, solange wird er ausgebeutet. Da spielt auch der lächerliche Besitz von 5 rosa Aktien keine Rolle.
Das die Monopolisierung, die Lenin u.a. in seinem Werk “Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus” beschrieben hat, immer weiter fortschreitet, ist eben ein typisches Zeichen der kapitalistischen Gesellschaft. Insofern hat Jochen hier auch wieder Recht, wenn er schreibt: “Das Kapital wird mit zunehmender Geschwindigkeit auf immer weniger Menschen zusammengefasst, die nur noch wenige Handlanger brauchen und bezahlen.”
Weiter liest man: “Die Großunternehmen, deren Konzentration der Staat auch noch fördert, gehören niemandem mehr und lassen sich auch nicht mehr kontrollieren. Auch wenn es formal Aktionäre gibt, so sind diese doch machtlos.” Das ist wieder falsch. Die Produktionsmittel sind nicht eigentumslos. Und wenn sie Banken gehören, so gehören auch die Banken jemanden, sei es eine Gruppe von Aktionären oder “Heuschrecken”.
Wenn Jochen also behauptet, “Die Macht gehört den Banken und anderen Kapitalsammlern und wird durch Vorstände wahrgenommen, die sich gegenüber niemandem verantwortlich fühlen und auch von niemandem verantwortlich gemacht werden.” dann steht das im Widerspruch zu seiner Aussage “Das Kapital wird mit zunehmender Geschwindigkeit auf immer weniger Menschen zusammengefasst, die nur noch wenige Handlanger brauchen und bezahlen.”
Ich überspringe den Teil des Beitrages von Hoffen und Sehnen und komme zum Schluss. “Denn Träume und Hoffnungen geben Kraft aus der mit ein wenig Wut und Entschlossenheit auch wieder Freiheit wird.” Träumen und Hoffen, verehrter Herr Bloggerkollege, hat noch nie einen Menschen satt gemacht. Hätten Che&Castro gehofft und von einem freuen Kuba geträumt, wäre die Insel heute noch immer quasie Privatbesitz von Bapista. Die Wut und die Entschlossenheit müssen eines bedeuten: Kämpfen! Kämpfen! Kämpfen!
Vor allem müssen die Menschen wissen, warum und wofür sie kämpfen. Da hilft es ihnen aber nichts, wenn man die Gegenbenheiten des kapitalistischen Systems verwässert oder als nicht mehr existent darstellt. Das kann die PDS.Linke machen. Aber das hilft nur dem Kapital.
Der Kapitalismus hat bewiesen, dass er nicht in der Lage ist, die Probleme der Mehrheit der Menschheit zu lösen. Also müssen wir wieder für den Sozialismus kämpfen. Denn auch, wenn er durch viele revisionistische Erscheinungen von Menschen, die sich Kommunisten nannten und noch nennen, eine zeitweilige Niederlage erlitten hat, tot ist der Plan und die Idee noch lange nicht.
Um es mit Rosa Luxemburg zu beschreiben: “Sozialismus oder Barbarei.” Diese Aussage ist über 80 Jahre alt. Aktuell ist sie nach wie vor.



3 Reaktionen
Von Jochen Hoff am 30. Apr 2007 um 09:21 Uhr
Hi mein Serendipity behauptet wieder einmal Trackback gescheitert, deshalb hier der link.
http://www.duckhome.de/tb/index.php?/archives/291-Was-sich-seit-Marx-geaendert-hat.html
Von D. Krüger am 30. Apr 2007 um 13:15 Uhr
Bei “Duckhome” hab ich meinen Kommentar wie folgt hinterlassen:
“Hallo,
nun gut – Marx ist tot, Che ist tot – und mir geht es heute auch nicht besonders.
Sicher könnte man streiten ob Marx’ens Erfindungen ins Reich der düsteren Legenden gehören.
Gehen wir mal davon aus.
Proletarier gibt es nicht mehr, Bourgeoisie gibt es auch nicht mehr – dann gibt es auch keinen Profit mehr und keinen Klassenkampf und Arm und Reich ist zu reduzieren auf fleißig und faul oder dumm und schlau.
Dann hätten alle Politiker recht und vielleicht wäre die Erde immer noch eine Scheibe und die Sonne dreht sich um die Erde – war ja ne wilde Zeit damals, als Kopernikus und Galilei so lebten.
Na klar – ist ja auch was ganz Anderes – kann man sehen und anfassen und hinfahren – und Gott wohnt ja seit Gagarin auch nicht mehr im Himmel. Hat sich alles geändert, wo auch Einstein nicht mehr so aktuell ist.
Schon Marx sagte selbst: “An allem zweifeln!”
Und dann hat er noch die “Dialektik” bei der Entwicklung der Gesellschaft eingeführt oder erfunden oder so. Also, auch die Gesellschaft, ihre Zusammenhänge und Entwicklungen entwickeln sich – oder auch nicht.
Nur die Kommunisten sind so stupide – die entwickeln sich nicht mit. Die sprechen noch vom “Proletariat” und behaupten, daß es “Ausbeutung” gibt. Dabei wurden “Proletariat” und “Ausbeutung” doch abgeschafft! Ich glaube am 07.09.1949? Nur wo, daß weiß ich nicht.
Da ja heute jeder Prinzessin werden will oder Astronaut oder Lokomotivführer – halt! Sind das nicht Berufe aus einer längst vergangenen Zeit?
Heute will man doch Paris Hilton oder Mediendesigner oder Deutsche Bank Chef werden. Kann ja auch jeder. So steht es zumindest in der “Bild”.
Also – hoffen wir mal.
Stark bleiben!”
Von Woschod am 30. Apr 2007 um 14:02 Uhr
Sehr schön!