Der Hamburger Aufstand 1923

Heute beschäftigen wir uns mal wieder mit Geschichte, darum wird es auch etwas länger

Im folgenden die Beschreibung des Hamburger Widerstand von 1923, so wie die Lehren, die Ernst Thälmann aus dem Aufstand zog, wie sie in „Walter Ulbricht – Zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung – Band 1“ (Ausgabe von 1955, Seiten 139-148) zu finden ist.

Der Hamburger Aufstand unter Führung Ernst Thälmanns

Auf dem dunklen Hintergrund der prinzipienlosen Kompromißpolitik und der schmachvollen Kapitulation der Brandler-Clique tritt der heroische Kampf der Hamburger Arbeiter leuchtend hervor. Die KPD zählte in Hamburg 18000 Mitglieder. Die Kader der Hamburger Kommunistischen Partei waren von Genossen Thälmann im Geiste des Marxismus-Leninismus erzogen. Durch den unversöhnlichen Kampf gegen alle Abweichungen, den Genosse Thälmann führte, war in Hamburg eine Kampforganisation geschaffen worden, die politisch und militärisch auf den Aufstand vorbereitet war.

Als die Hamburger Arbeiter erfuhren, daß die Reichswehr nach Sachsen marschieren sollte, steigerte sich die Kampfstimmung um ein Vielfaches. Am 20. Oktober 1923 kam es in Hamburg zu zahlreichen Zusammenstößen zwischen der Polizei und den Arbeitern. In dieser gespannten Atmosphäre zeigte sich, daß auch viele Kleinbürger und in einigen Fällen sogar die Polizei mit den demonstrierenden Arbeitern sympathisierten. Als am 22. Oktober die Nachricht eintraf, daß die Reichswehr in Sachsen einrückt, legten die Hafen- und Werftarbeiter sofort die Arbeit nieder. In der Nacht vom 22. zum 23. Oktober wurde der Aufruf des Reichsbetriebsräteausschusses, der der Hamburger Parteiorganisation von der Zentrale zugestellt worden war, verteilt. Der Ausschuß forderte die Arbeiterklasse Deutschlands zum Generalstreik, zum Aufstand gegen die Offensive der Reaktion und gegen die Militärdiktatur auf. Im Aufruf wurde betont,

„daß jede Verzögerung dem Tode gleichkommt und es unbedingt notwendig ist, den Kampf gleichzeitig im ganzen Lande zu beginnen, weil der isolierte Kampf der Arbeiter in Mitteldeutschland zur Niederlage führen kann. Es wird nicht die Wiederholung der Novemberrevolution 1918 sein. Die entscheidende Stunde ist gekommen. Eins von beiden: Entweder rettet das werktätige Volk Mitteldeutschland, verwandelt Deutschland in eine Arbeiter- und Bauernrepublik, welche ein Bündnis mit der Sowjetunion schließt, oder es kommt eine ungeheure Not.“

Nach wenigen Stunden schon war der größte Teil der Betriebe stillgelegt. Die Aktion wurde von Genossen Ernst Thälmann geleitet. Massendemonstrationen fanden in ganz Hamburg statt. Im Hamburger Arbeiterviertel Barmbeck war die Lage besonders gespannt. Alles wartete nur auf das Zeichen zum Losschlagen. In den Hauptstraßen sammelten sich bis spät in die Nacht hinein immer mehr Menschen. Die Polizei war machtlos. Ihre Versuche, die Arbeiter mit Gewalt auseinanderzutreiben, scheiterten an dem geschlossenen Auftreten der Demonstranten.

Die Hamburger Parteiorganisation hatte sich einen sogenannten Ordnerdienst (OD) geschaffen, der den militärischen Kern der proletarischen Hundertschaften bildete. Die Ausbildung dieses Ordnerdienstes war vorbildlich. Seine Mitglieder waren im Umgang mit Waffen vertraut und kannten die Grundregeln des Straßenkampfes. Am 22. Oktober nachts beschloß die Bezirksleitung der KPD Wasserkante den Aufstand für den 23. Oktober, 5 Uhr früh. Es wurde der Beschluß gefaßt, mit der Erklärung des Eisenbahnerstreiks zu beginnen, um die Transporte nach Sachsen zu verhindern.

Der beschlossene Aufstandsplan war nach der Schilderung eines Teilnehmers in der Hauptsache folgender:
a) Der Aufstand beginnt durch ein plötzliches Losschlagen der bewaffneten Arbeiterabteilungen in den Arbeitervierteln der Stadt, wobei in erster Linie die Waffenlager zu besetzen sind;
b) Entwaffnung der Polizei und Faschisten in den Arbeitervororten;
c) gleichzeitige Zusammenziehung der bereits bewaffneten Arbeiterabteilungen, die durch Massendemonstrationen aus den Vororten nach der Innenstadt zu decken sind, und Zurückdrängung des Gegners (Polizei und Faschisten im Stadtzentrum) nach Süden (an den Fluß, dessen Brückenübergänge schon vorher von den Arbeitern zu besetzen sind) und hier endgültige Entwaffnung des Gegners;
d) Besetzung des Post- und Telegrafenamtes, der wichtigsten Bahnhöfe des Stadt- und Fernverkehrs, des Flugplatzes und, der anderen wichtigsten Objekte, noch bevor die Abteilungen aus den Vorstädten nach dem Stadtinnern ziehen, durch die in diesen Vorstädten befindlichen Kräfte der Partei;
e) um die Heranziehung von auswärtigen Verstärkungen durch den Gegner zu unterbinden, ist vorgesehen, ihn auf den Hauptstraßen, die voraussichtlich für ihren Nachschub in Frage kommen würden, in einen Hinterhalt zu locken. Mit der Organisierung des Angriffs aus dem Hinterhalt und der Vernichtung der Wege im Umkreis von 25 Kilometern werden die Kräfte der Ortsorganisationen der nächstliegenden Arbeiterstädtchen und -Siedlungen beauftragt. Die Organisationen von Harburg, Wilhelmsburg, Utersen und Stade sollen den Schiffsverkehr auf der Elbe sperren.

Im Verlaufe des Aufstandes waren die Kämpfe im Arbeitervorort Barmbeck die entscheidendsten. Sie standen unter der direkten Leitung des Genossen Thälmann. Da hier die Arbeiter nur 19 Gewehre und 27 Pistolen besaßen, war die Frage der Bewaffnung für den Sieg ausschlaggebend. Genosse Thälmann entwarf einen Aktionsplan. Erst sollten die 20 vorhandenen Polizeiwachen gestürmt werden, um sich Waffen zu beschaffen. Mit einem Gewehr und zwei Pistolen ausgerüstet, begaben sich die einzelnen Kampfgruppen zu ihren Objekten. Nach der Entwaffnung der Polizeiwachen sollte die Wandsbeker Kaserne, die mit 600 Mann Polizei belegt war und über sechs Panzerautos verfügte, gestürmt werden.

Um 5.30 Uhr hatten die Kampfgruppen 17 Polizeiwachen entwaffnet. Rund 170 Gewehre und eine Menge Munition waren das Ergebnis des überraschenden Angriffs der Arbeiter. Drei Wachen konnten durch das Versagen und undisziplinierte Verhalten einiger Kampfgruppenführer nicht entwaffnet werden. Die Wandsbeker Kaserne wurde alarmiert, die Wachen erhielten sofort Verstärkung, und der Sturm auf die Kaserne wurde verhindert.

Ein großer Teil der Genossen, die nicht bei der Entwaffnung der Polizeiwachen eingesetzt waren, wurde von Genossen Thälmann nach den Stadtbahnhöfen, Betrieben und Werften entsandt, um den Generalstreik auszurufen und die Arbeiter für den Kampf zu gewinnen. Diese Aktion gelang. Alle Verkehrsmittel standen still. Viele Arbeiter zogen geschlossen durch Hamburg, um ihre kämpfenden Klassenbrüder zu unterstützen. Um 7 Uhr wurde vom Genossen Thälmann der Befehl zum Barrikadenbau gegeben, der sofort von den Arbeitern aufgegriffen wurde. Große Teile der arbeitenden Bevölkerung, besonders der Frauen, beteiligten sich. Die Arbeiterfrauen und die Jugendlichen vollbrachten ungeheure Leistungen und trugen durch ihre Aktivität entscheidend zur Aufrechterhaltung des heldenhaften Widerstandes bei.

Entschlossen kämpften die Mädchen und Jungen des Kommunistischen Jugendverbandes. Sie waren Verbindungsleute zwischen den Barrikaden und versorgten die Kämpfer mit Munition. An der Spitze dieser Kämpfer stand Genosse Willi Bredel. Mit ungeheurem Mut kämpften die Arbeiter, ganz gleich, ob Mitglieder der KPD, der SPD oder Parteilose, Schulter an Schulter. Sie verstanden es, die wenigen Waffen so einzusetzen, daß sie der Polizei einen heißen Empfang bereiten konnten.

Die Kampfgruppen postierten sich auf Häuserdächern und in den Wohnungen. So waren sie in der Lage, die ganze Straßenbreite mit wenigen Waffen zu beherrschen. Die Polizei richtete ihr Hauptaugenmerk auf die Barrikaden, wo sie die Massen der Verteidiger vermutete, während dort in Wirklichkeit nur einzelne Scharfschützen standen.

Die Kampfgruppen führten unerwartete Angriffe aus. Diese überraschenden Angriffe der Kampfgruppen spielten in den Hamburger Kämpfen eine entscheidende Rolle. Der Kampf in Barmbeck, also dem nördlichen Teil Hamburgs, blieb jedoch isoliert, weil der Verräter Urbahns den Beschluß der Chemnitzer Tagung: „Der Kampf wird verschoben“ in Hamburg als Direktive herausgab, obwohl bereits gekämpft wurde.

In der Nacht vom 23. zum 24. Oktober fanden keine größeren Kampfhandlungen statt. Die Polizisten waren trotz mehrmaliger Befehle ihrer Offiziere nicht zum Angriff zu bewegen, denn die Arbeiter hatten durch ihre Taktik am Tage bewiesen, daß die Polizei auch mit Panzerautos nicht in der Lage war, die Barrikaden zu stürmen. So wurde zum Beispiel ein Panzerwagen durch den mutigen Einsatz eines Scharfschützen kampfunfähig gemacht. In einem anderen Falle fuhren zwei Panzerautos auf eine Barrikade zu. Die Arbeiter errichteten blitzschnell im Rücken der Wagen eine weitere Barrikade. Dadurch wurden die Wagen eingeschlossen und für eine gewisse Zeit kampfunfähig gemacht.

Trotz der verräterischen Direktive Urbahns’, den Kampf einzustellen, demonstrierten die Arbeiter in Hamburg und jagten die opportunistischen Gewerkschaftsführer aus dem Gewerkschaftshaus.

Am zweiten Tage des Kampfes erhielt die Polizei Verstärkung. 500 Mann Lübecker Polizisten, der Kreuzer „Hamburg“ und zwei Torpedoboote wurden entsandt. Zur Unterstützung der reaktionären Horden kreisten Flugzeuge über Barmbeck. Eine Abteilung der Matrosen weigerte sich, am Kampf gegen die Arbeiter teilzunehmen.

Rund 6000 Mann Polizei und Militär, mit schweren Waffen ausgerüstet, versuchten Barmbeck zu stürmen. 300 entschlossene Arbeiter mit wenig Munition leisteten den reaktionären Horden hartnäckigen Widerstand. Als Genosse Thälmann feststellen mußte, daß er isoliert mit den Hamburger Arbeitern kämpfte, gab er Befehl zum geordneten Rückzug.

Drei Tage und drei Nächte hatten die Arbeiter in Barmbeck einen heroischen Widerstand geleistet. Der Aufstand wurde auf Beschluß der Partei abgebrochen, da durch den Verrat der Brandler-Clique der Hamburger Kampf isoliert blieb. Die bewaffneten Kampfgruppen des Hamburger Proletariats zogen sich in musterhafter Disziplin zurück. Genosse Thälmann setzte seine Arbeit fort; er blieb illegal in Hamburg.

Der Hamburger Aufstand hat historische Bedeutung. Er zeigte, daß die Bereitschaft der deutschen Arbeiter, unter der Führung der KPD für die soziale und nationale Befreiung des werktätigen Volkes zu kämpfen, vorhanden war. Genosse Thälmann und seine Kämpfer bewiesen durch die Tat, daß bei einer richtigen militärischen und politischen Führung die Arbeiterschaft auch an Zahl und Ausrüstung überlegene Gegner erfolgreich bekämpfen kann, wenn sich die Partei die Lehren und Erfahrungen der Kommunistischen Partei der Sowjetunion zunutze macht.
Der Hamburger Aufstand gehört daher zu den stolzesten Traditionen der deutschen Arbeiterbewegung, lehrt er uns doch, daß eine einheitlich handelnde Arbeiterklasse unter der Leitung einer bolschewistischen Partei alle Aufgaben meistern kann.“

Die Moskauer „Prawda“ brachte am 7. November 1923 unter dem Titel „Der heldenhafte Kampf der Hamburger Arbeiter“ folgenden Bericht:

„Niemals und nirgends beobachtete ich ein so mitfühlendes Verhalten der Bevölkerung zu den kämpfenden Genossen wie diesmal.

Es ist gar nicht nötig, von den Arbeitern zu sprechen. Ja, auch die Bürgerlichen, der kleine Kaufmann, der Beamte, Leute der freien Berufe, alle verhielten sich mit offensichtlichem Mitgefühl zu den Helden, welche in den Schützengräben hinter den Barrikaden lagen.

Sie versorgten die Kämpfer, teilten ihnen verschiedene Nachrichten über das Vorrücken des Feindes mit. Die Inhaberin eines kleinen Ladens drängte sich trotz Lebensgefahr durch die Kampfzone, brachte 120 Patronen und übergab sie einem bekannten Kommunisten.

Die parteilosen Frauen waren die hauptsächlichen Erbauer der Barrikaden. Sie waren es, die uralte Bäume fällten, das Pflaster aufrissen, die Schützengräben gruben, die Werkzeuge für all diese Arbeiten beschafften.

Ich bin persönlich in diesen Tagen sehr viel in der Stadt umhergegangen, um die Gespräche zu hören, zu fliegenden Kundgebungen, und nirgends, in keinem einzigen Falle habe ich ein einziges Wort des Vorwurfs an die Adresse der Kommunisten gehört, mehrmals hörte ich jedoch, wie Leute vor Freude außer sich waren, als sie von den Heldentaten dieser jungen Menschen erzählten. Ich kam zu einer Gruppe von gutgekleideten Menschen, und hier sagte man: ‚Kann man denn diese Menschen verurteilen?’“

Nach zwei Jahren, am 23. Oktober 1925, zog Genosse Ernst Thälmann in der „Roten Fahne“ die Lehren aus dem Hamburger Aufstand. Er schrieb unter anderem:

„Die proletarische Revolution hat mehr als eine blutige Niederlage ertragen. Sie ist niemals daran verblutet. Sie ist stärker, stolzer, entschlossener weitergeschritten. Die Pariser Kommune wurde niedergetreten. Die russische Revolution von 1905 endete an den Galgen des Zaren, in den Kerkern, in Sibirien. Und sie erwachte trotzdem aufs neue! Auch Hamburg ist nicht tot, sondern Hamburg ist unbesiegbar. Neue Aufstände des Proletariats, neue Siege der Konterrevolution sind dem deutschen Oktober gefolgt. In Polen, in Estland, in Bulgarien standen die Arbeiter auf und wurden geschlagen. Und dennoch werden sie siegen!

Die Aufstände des Proletariats sind Etappen auf dem Siegeszuge der Revolution, nicht nur durch ihre unmittelbaren positiven Resultate, sondern vor allem infolge der großen Lehren, die sie der ganzen Arbeiterklasse einhämmern.

Was sind die wichtigsten Lehren des Hamburger Aufstandes?

1. Eine zahlenmäßig geringe Schar von Proletariern, die mit größtem Heldenmut unter dem Banner der Diktatur gekämpft haben, konnte sich mit Erfolg gegen die zwanzigfache Übermacht der glänzend organisierten und bewaffneten Truppen der Bourgeoisie militärisch halten.

2. Der unvergängliche Ruhm der Hamburger Oktoberkämpfer besteht darin, daß sie in einer revolutionären Situation zu den Waffen griffen, obwohl sie den Sieg nicht zu 99 Prozent in der Tasche hatten. Der Leninismus lehrt, daß man den Kampf aufnehmen muß, wenn ernste Chancen für den Sieg vorliegen. Eine Garantie für den Sieg gibt es niemals im voraus. Die Niederlage in einem solchen Kampf ist tausendmal fruchtbarer und wertvoller für die Zukunft des Klassenkampfes als ein Rückzug ohne Schwertstreich.

3. Der Aufstand führte zur Niederlage, weil er isoliert blieb, weil er nicht in Sachsen und im ganzen Reiche sofort unterstützt wurde. Mögen die Arbeiter in einem einzelnen Ort mit dem größten Heldenmut, getragen von der stärksten Massenbewegung, den Kampf aufnehmen: Sie werden geschlagen, wenn nicht das Proletariat im ganzen Lande mit ihnen geht. Gerade darin, in der Organisierung und Zusammenfassung, der gesamten Arbeiterklasse in allen Industriezentren und Großstädten, im ganzen Lande besteht die Rolle der Kommunistischen Partei als Vortrupp des Proletariats. Gerade darum brauchen wir eine eiserne, völlig geschlossene, restlos verschmolzene, unbedingt disziplinierte Partei.

4. Es ist nicht wahr, daß der Hamburger Aufstand ein Putsch war, sondern er wurde von der Sympathie der breitesten Massen getragen. Sogar der Polizeisenator Hense mußte wütend zugeben, daß die sozialdemokratischen Arbeiter in Hamburg, dieser rechtesten Organisation der SPD, und mit ihnen ‚die weitesten Kreise der Bevölkerung zu den Kommunisten hielten’. Unsere Schwäche bestand nur darin, daß wir nicht verstanden, diese Massen fest um uns zu scharen, sie rechtzeitig in allen Teilkämpfen zu uns herüberzuziehen, mit ihnen die Einheitsfront gegen die sozialdemokratischen Führer zu schließen.

5. Um bei der unvermeidlich kommenden Wiederkehr des Hamburger Kampfes in viel größerem Maßstabe siegen zu können, müssen wir wie ein Keil in die Massen eindringen, sie durch tausend Klammern mit uns vereinigen, eine wirkliche proletarische Einheitsfront mit Millionen Arbeitern bilden. In den Gewerkschaften, in allen parteilosen Organisationen der Arbeiterklasse muß ein großer revolutionärer Flügel heranwachsen, der gemeinsam mit den Kommunisten zum Träger der kommenden Kämpfe wird.

6. Als besonderer Mangel wurde in den Hamburger Oktobertagen das Fehlen einer starken Rätebewegung empfunden. Diese Tatsache ist noch nicht genügend in der Partei verstanden worden. Die Räte sind die Organe, die in einer revolutionären Situation die Millionenmassen des Proletariats zusammenfassen, die das Rückgrat des Kampfes bilden. Diese Lehre dürfen wir auch in der jetzigen Periode zwischen zwei Revolutionen nicht vergessen.

7. Die Machtergreifung des Proletariats ist kein einmaliger Akt. Sie besteht nicht nur in dem militärischen Kampf gegen die Truppen der Bourgeoisie, sondern sie muß durch jahrelange ausdauernde Arbeit der Kommunistischen Partei und des ganzen Proletariats vorbereitet werden. Die kommenden Siege über die Bourgeoisie müssen durch unzählige Teilkämpfe erzogen, vorbereitet, organisiert werden. Dies ist unsere Hauptaufgabe in der jetzigen Periode.

8. Es ist falsch, daß durch die Oktoberniederlage von 1923 eine einzigartige revolutionäre Situation ein für allemal ‚verpaßt’ wurde. Die Niederlage von 1923 war keine dauernde, ebensowenig wie die Niederlage des Spartakusbundes in den Nosketagen von 1919 eine dauernde war. Die Stabilisierung des bürgerlichen Deutschlands hat keinen langen Atem, trotz Dawesplan und Garantiepakt; besser: wegen Dawesplan und Garantiepakt. Die kapitalistische Stabilisierung in Deutschland erlebt schon jetzt ihre erste ‚Atemnot’. Das große Resultat des Hamburger Aufstandes ist, daß die Arbeiter den scheinbar unbesiegbaren Klassenfeind dreimal vierundzwanzig Stunden lang in seiner ganzen Schwäche gesehen haben. In den Hamburger Tagen haben die Arbeiter die Bourgeoisie am Rande des Abgrundes gesehen. Und sie werden diesen Augenblick niemals vergessen! Wir gehen nicht einer Versumpfung, sondern neuen Kämpfen, wir gehen mit eherner Notwendigkeit in Deutschland der zweiten Revolution entgegen. Darum gehört der Hamburger Aufstand nicht der ‚Geschichte’ an, sondern er ist eine Probe für die Zukunft.

9. Der Aufstand war ein Musterbeispiel für die glänzende, reibungslos arbeitende Organisation des revolutionären Kampfes. Aber er offenbarte zugleich den größten organisatorischen Fehler unserer Partei. Die Hamburger Kämpfer besaßen die volle Sympathie der Arbeiter in den Betrieben, aber sie hatten organisatorisch keine Verbindung mit ihnen Es zeigte sich die ganze Unbrauchbarkeit, die verhängnisvolle Rückständigkeit unserer alten sozialdemokratischen Wohnorganisation. Die Wahlmaschine taugt nicht für die Barrikaden! Die schwerste Lücke in der Hamburger Kampffront war das Fehlen kommunistischer Betriebszellen. Eine Kämpferschar wie die Hamburger, die sich auf festverwurzelte Zellen in allen Betrieben und auf die Vereinigung der breitesten Arbeitermassen stützt, wird künftig in einer ähnlichen Situation unbesiegbar sein.

10. Die größte, wertvollste Lehre des Hamburger Aufstandes ist die großartige Erfüllung der Rolle der Kommunistischen Partei in der proletarischen Revolution. Die Kommunisten waren nicht in Worten, sondern in der Tat der Vortrupp, die Führung, der Wegweiser der Arbeiterklasse. Sie gaben der Bewegung ein klar umrissenes Ziel, ein genau formuliertes Programm … Nur weil die Partei die Führung des Kampfes fest in den Händen hatte, wurde von den Hamburger Revolutionären zum ersten Male in Westeuropa die Marx-Engelsche Lehre begriffen und verwirklicht, daß der Aufstand eine Kunst und die Hauptregel dieser Kunst die kühne, unerschütterlich entschlossene Offensive ist.

Das sind die wichtigsten Lehren des Hamburger Aufstandes. Das grausame Lehrgeld, das wir für sie zahlten, war der Tod und die Einkerkerung unserer Besten. Und dennoch: Diese Opfer werden sich hundertfach lohnen. Sie wurden nicht nur für den Aufbau einer Partei von Bolschewisten in Deutschland, sondern für die Zukunft der ganzen Arbeiterklasse gebracht.“

Die Erfahrungen von 1923 und die darauffolgenden Auseinandersetzungen mit den Brandleristen wie mit den „Ultralinken“ veranlaßten Genossen Thälmann, seine ganze Kraft auf die Entwicklung der KPD zu einer marxistisch-leninistischen Partei zu konzentrieren In einem seiner Aufsätze gab Genosse Thälmann später folgende Einschätzung der Entwicklung:

„Gerade weil unsere Partei aus den besten und revolutionärsten Elementen der Sozialdemokratie der Vorkriegszeit, den einzigen, die den Verrat der Ebert und Scheidemann nicht mitgemacht hatten, hervorging, war sie naturgemäß nicht nur reich an jenen guten und revolutionären Traditionen der sozialistischen Arbeiterbewegung, sondern zugleich belastet mit manchen Rückständen sozialdemokratischer Schwäche.

Der Kampf gegen opportunistische, kleinbürgerliche Schwankungen und Abweichungen, der Kampf gegen“ jene Tendenzen, die die Partei vom Wege des Bolschewismus abdrängen und der Sozialdemokratie annähern wollten, die die Illusionen über die Entwicklung zum Sozialismus, über den Staat, über die SPD, über den Zentrismus in die Reihen der revolutionären Partei hineinzutragen suchten – dieser Kampf gegen die Cliquen um Levi und Reuter-Friesland im Jahre 1921, gegen Brandler und Thalheimer 1923, dann später gegen die ultralinke Abart des Liquidatorentums waren die notwendigen, unvermeidlichen Schritte der inneren Klärung und Reifung, auf Grund deren die KPD sich zur Höhe ihrer historischen Aufgabe durchsetzen mußte.“

So verstärkten die Lehren des Hamburger Aufstandes in Genossen Thälmann die Erkenntnis, daß die Arbeiterklasse ihre historische Aufgabe nur erfüllen kann, wenn sie von einer revolutionären Partei geführt wird, die sich von der Theorie des Marxismus-Leninismus leiten läßt und sie anzuwenden versteht. Darum stellte Genosse Ernst Thälmann in den folgenden Jahren der Partei und den Mitgliedern immer wieder als die wichtigste Aufgabe, sich die wissenschaftliche Lehre des Marxismus-Leninismus anzueignen und die Erfahrungen der KPdSU(B) gründlich zu studieren. Zugleich erklärte er der Partei, ausgehend von den Erfahrungen der Kämpfe, daß das Schwergewicht der Parteiarbeit in die Betriebe verlagert werden und daß die Partei tiefer in die Massen eindringen muß.

  1. 4 Reaktionen

  2. Von D. Krüger am 11. Jul 2007 um 07:32 Uhr

    Hallo,
    es ist notwendig, sich immer wieder mit der Theorie zu beschäftigen. Einer meiner Uni-Dozenten an der KMU begann seine Veranstaltungen immer mit der Frage:“Und, meine Damen und Herren, in welchem Buch haben wir denn heute Nacht gelesen?“
    Klingt zwar wie ’n blöder Spruch – ist aber was wahres dran.
    Und mit Sicherheit kann man aus diesem Text auch für die heutige Zeit etwas lernen – nur, der politische Gegner kann auch lesen 😉 und hat aus diesem Text auch seine Schlußfolgerungen gezogen.
    Stark bleiben!

  3. Von jürgen polkehn am 26. Mai 2009 um 14:46 Uhr

    wir waren damals in der lutherstadt eisleben noch sehr jung und so zuversichtlich,daß es der von der burgeasie befreiten
    arbeiterklasse gelingen würde die macht für immer zu erhalten.
    das sah ja auch zunächst so aus,doch warum es anders kam,
    lag einfach an einem spruch stalins, der da hießt: wer vom
    kapitalismus frißt kommt um . –
    mann sollte es nicht glauben, der sozialismus war eigentlich militärisch gut gefestigt. aber in der überzeugung dachte man an die autos und andere vergüstigungen im westen und das war wichtiger ,als der sozialismus und kapitalismus. doch jetzt als man am eigenen leibe das kapitalistische joch spüren muß, da sieht doch alles anderst aus. doch ehe die arbeiterklasse so fest ihren mann steht,- das kann lange dauern. in der gegenwart wiegen die entäuschungen sehr schwer, die arbeiterfüher mit ihrer ruhmreichen arbeiterklasse gemacht haben …..
    pü po

  4. Von Jürgen Schröder am 29. Okt 2011 um 19:12 Uhr

    Ein kleiner Beitrag zur Rezeption des Hamburger Aufstands in den 1970er Jahren:

    http://www.mao-projekt.de/BRD/NOR/HBG/Hamburg_Aufstand_1923.shtml

  5. Von jürgen polkehn am 28. Feb 2012 um 06:39 Uhr

    ja liebe freunde,bis es wieder so weit ist daß wir ganz deutscland vom kapitalismus befreit erleben können,wird sehr
    lange dauern.das liegt einfach daran weil nicht jeder arbeiter den sozialismus zur zeit haben will.das ist vielen viel zu theoretisch.der arbeiter könnte zum totengräber des
    kapitalismus sein,doch die kapitalisten sind schlau und außerdem werden in einem normalen staat wie deutschland
    die kapitalisten geduldet. es gab eigendlich schon anlässe,wo man hätte kämpfen können ,doch wer ist der 1. der nun wieder noch zusätzliche entbehrungen auf sich nehmen will.wer bereit ist das joch des kapitalismus zu erdulden ,kommt meißtens besser weg.wer zu den linken gehört ,muß die taten stalins gut heißen und die stasi loben. die sympatie mit den kommunisten bringt den einfachen mann in starken verruf. man sollte da nicht leichtgläubig wie viele parteibonzen der ddr sein,denn dadurch haben wir die ddr verloren. deshalb wird die geschlossene arbeterklasse immer mehr zersetzt . j. p.

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