Wer im Glashaus sitzt…
Die WELT ONLINE hat einen Artikel unter dem Titel “Die rhetorischen Tricks eines Populisten” veröffentlicht.
Ich zitiere erstmal die Einleitung:
Oskar Lafontaine ist bekannt für seine Rhetorik. Dabei ist vor allem seine Argumentationstechnik eine Analyse wert. Denn der Chef der Linkspartei reißt Zitate mutwillig aus dem Zusammenhang, um prominente Kronzeugen zu erschaffen.
Lies man den Artikel ganz, bemerkt man ganz schnell, das die WELT hier Lafontaine genau die Tricks vorwirft, die sie selber benutzt.
im Folgenden werde ich auch einige Stellen aus dem Artikel zitieren:
So schreibt die WELT:
Er [Lafontaine] verklärte die beiden zu Freiheitshelden und berief Chávez, der gerade einem kritischen Fernsehsender die Lizenz abgedreht hatte, zum Verteidiger der Pressefreiheit.
Richtig ist, das dem Privatsender RCTV die Lizenz für terrestisches Senden nicht verlängert wurde. Weiterhin wird aber über Kabel und Satellit gesendet. (Siehe auch Redblog)
Weiter bei WELT ONLINE:
Dann folgte in der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” eine Generalabrechnung mit dem Kapitalismus, der die Reichen angeblich immer reicher und die Armen immer ärmer und unfreier mache.
Dazu vielleicht nur zwei Dinge:
Ein Zitat aus der Wirtschaftswoche (“31.000 neue Millionäre in Deutschland”), der man sicher keinen Antikapitalismus unterstellen braucht: “Insgesamt vermehrten die reichsten Privatpersonen der Welt ihr Finanzvermögen im vergangenen Jahr dank der global guten Wirtschaftslage um 11,4 Prozent auf 37,2 Billionen US-Dollar.”
Und ein Zitat aus der Tagesschau (“Reallöhne in Deutschland sinken”): “Die Reallöhne in Deutschland werden 2006 vermutlich das dritte Jahr in Folge sinken.”
Was also hat WELT ONLINE an der Aussage Lafontaines auszusetzen, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden? Was ist daran “angelblich”?
Auf der Internetseite der Uni Weimar befindet sich ein Artikel (“Armut und Gesundheit/Krankheit in Deutschland”), in dem man nachlesen kann: “Aufgrund unterschiedlichster Faktoren haben wir es mit einer veränderten gesellschaftlichen Situation zu tun. Ein Merkmal dieser Veränderungen ist eine deutliche Zunahme der Armut in Deutschland. Bundesgesundheitsministerin Fischer stellt fest: Armut ist leider kein Randproblem. Armut ist zu einem gesellschaftlichen Problem geworden. Daran ändert es nichts, daß sie oft verschwiegen oder verdrängt wird. Armut ist zu einem Lebensrisiko geworden, das inzwischen bis in die Mitte unserer Gesellschaft reicht. 1998 sind in Deutschland ca. 2,7 Mio. Menschen von Sozialhilfe abhängig, davon über 1 Mio. Kinder. Darüber hinaus leben ca. 2 Mio. Menschen, insbesondere Haushalte mit Kindern in den neuen Bundesländern, in verdeckter Armut, d.h. sie machen ihre berechtigten Ansprüche auf Sozialhilfe nicht geltend. Der Trend hat sich in den letzten Jahren von der Altersarmut zur Kinderarmut verlagert. Die stärksten Zunahmen sind bei den Kindern unter 7 Jahren zu verzeichnen. 1997 waren ca. 12 % der unter 7jährigen Kinder von Sozialhilfe abhängig (-so wächst in Westdeutschland jedes 8., und in Ostdeutschland jedes 5 Kind in Haushalten auf, die von Armut betroffen sind). Es wird deshalb von einer Infantilisierung oder Familialisierung von Armut gesprochen.”
WELT ONLINE schreibt:
Hier legte Lafontaine seine alte Platte auf: Generalstreiks soll es geben, obwohl sie verboten sind. Netzgebundene Industrien wie Energie, Gas, Wasser und Strom will er verstaatlichen und Privatisierungen rückgängig machen. Der Staat soll wieder mehr regulieren. Lauter Rezepte, die Wirtschaftswachstum verhindern, Arbeitsplätze vernichten und den Wohlstand verringern. Obwohl Lafontaines Texte von gefährlichen Ideen nur so strotzten…
Was diese Vorschläge jedoch so gefährlich macht, warum sie angeblich Wirtschaftswachstum verhindern, Arbeitsplätze vernichten und Wohlstand verringern (Was jedoch zur Zeit passiert, siehe oben), das schreibt WELT ONLINE nicht. Wie populistisch jedoch diese Zeitung schreibt, sieht man an Sätzen wie:
Wenn es ernst wurde, ist Lafontaine bislang immer weggelaufen
WELT wift Lafontaine vor, ein Zitat von der deutsch-venezolanische Historikerin Dorothea Melcher zu verfälschen, indem er nach deren Aussage “Die privaten Kanäle haben zum Teil sehr üble Hetzkampagnen gegen Chávez geführt. Ich glaube, das könnte sich hier niemand leisten.” den Satz “Trotzdem ist die Abschaltung von Radio Caracas Televisión das falsche Signal in einem Land, dessen demokratische Institutionen seit Langem ausgehöhlt sind und wo sich die Einschränkungen der Pressefreiheit auf vielen Ebenen mehren.” weglässt.
Warum aber soll Lafontaine den Satz auch noch zitieren, wenn er offensichtlich falsch ist? Wenn Frau Melcher offensichtlich Tatsachen einfach weglässt, nämlich das RCTV nicht abgeschaltet wurde?
Da passt die Zwischenüberschrift der WELT doch gut:
Wichtig ist, was Lafontaine weglässt
Das kann man sich dann vielleicht mal ans eigene Knie nageln.
Die WELT wirft Lafontaine vor, den Papst Johannes Paul II. zu mißbrauchen, indem er kritische Worte des Selbigen zu dem Satz “Die menschlichen Defizite dieses Wirtschaftssystems, das die Herrschaft der Dinge über die Menschen festigt, heißen Ausgrenzung, Ausbeutung und Entfremdung.” zusammenfasst. Lafontaine hat hier mehrere Aussagen des Papst in der Enzyklika “Centesimus annus” von 1991 zusammengeführt. Mit diesen Aussagen hatte der damalige Papst vollkommen Recht. Das er gleichzeitig auch noch sozialismuskritische Aussagen machte, die Lafontaine natürlich nicht erwähnte, macht die ersteren Aussagen nicht falsch.
Insofern kann man den letzten Absatz von WELT ONLINE durchaus zitieren:
Mehr als ein Dutzend Zitate führt Lafontaine an, bei fast allen arbeitet er nach dem gleichen Muster: verdrehen, verbiegen, verschweigen. Was nicht passt, wird passend gemacht. Man braucht Stunden, um seinem Schwindel auf die Schliche zu kommen. Wer nicht achtsam ist, wird betrogen. Was Oskar Lafontaine betreibt, ist keine normale Rhetorik mehr. Es ist Demagogie.
Man sollte aber das Wort “Lafontaine” durch “WELT ONLINE” ersetzen, dann passt das mindestens genauso gut.





4 Reaktionen
Von irgendeiner am 17. Jul 2007 um 16:41 Uhr
die mainstream-medien scheinen sich ja gegen lafontaine verschworen zu haben. sie belügen bewusst die bevölkerung, um ihn zu diskreditieren. und dabei ist er nicht mal kommunist…
Von gewe am 17. Jul 2007 um 19:40 Uhr
… und wird es nie werden.
Der bisherigen SPD glauben sehr viele links eingestellte Menschen nicht mehr. Also wird eine neue SPD gebraucht, wo das linke Mäntelchen wieder glaubhafter erscheint. Das hat die PDS (Führung) seit 17 Jahren brauchbar vorgeführt. Da werden gleich noch die Montags-Linksdemonstranten (WASG) mit eingebunden und der Oskar vorne dran gestellt.
Schon laufen alle bisherigen SPD-Linksgläubigen zur LINKEN über. In einigen Jahren wird sich diese mit der jetzigen SPD vereinen und vielen glaubhaft machen, dass die neue vereinte SPD eine Wandlung nach links gemacht hat. Bis diese ganze Verarschung erkannt wird, hat dieses System einige weitere Jahre überlebt, die Wiedersprüche zwischen Arm und Reich vergrößert, die globalen Umweltschäden noch verschlimmert und ist sicher auch auf dem Weg der Vorbereitung eines nächsten großen Krieges gegen Rußland ein erhebliches Stück weiter gekommen.
So wie die alte SPD wird auch die neue SPD letztendlich wieder der Steigbügelhalter des Kapitals werden.
Vielleicht löst sich dann die Illusion eines “dritten Weges” endgültig in Luft auf. Vielleicht sind dann wirkliche linke Alternativen gefragt.
Die Sozialisten und Kommunisten in Lateinamerika könnten den Weg zeigen …
Von D. Krüger am 18. Jul 2007 um 06:24 Uhr
Hallo,
@gewe – dem ist nichts hinzuzufügen.
Stark bleiben!
gefunden bei Martin Buchholz:
“Die Ballade
vom überflüssigen Oskar
Im heut’gen Tagesblatte stand:
“Ein Gespenst geht um im Land.”
Ein Ungeist, ein längst totgesagter.
Ein Albtraum – und die Sozis plagt er.
Ich stürz’ ans Fenster, um zu sehen:
Was tut dort um und vor sich gehen?
Doch da steht nur ein Männlein klein.
Ei sagt, wer mag das Männlein sein?
Es ruft: “He, Leute, hört mich an!
Denn große Freude wird Euch kundgetan.
Du, deutsches Volk, darfst Dich in neuem Glanze sonnen.
Jetzt hast du mich! Und damit hast den Oskar Du gewonnen.”
Doch dann auf einmal, Knall auf Fall,
öffnet er seinen Hosenstall.
Und seht, jetzt pinkelt er auch noch
genau in jenes Kellerloch,
in dem die SPD sich doch
gerade angstschlotternd verkroch.
Das Männlein ruft: “Für Euch, Ihr unterdrückten Massen,
will ich das lange unterdrückte Wasser lassen.
So gibt die Prostata dem Volke das Signal!
Schaut her, endlich ein Hoffnungsstrahl.”
Doch aus dem Keller tönt der Chor der Ex-Genossen:
“Mensch Oskar, gib es auf! Du bist verflossen.
Auch wenn wir hier ersaufen; wir ergeben uns gewiß nich.
Uns bleibt nur noch ein letzter Wunsch. Verpiß dich!
Schon lange sind wir Deiner überdrüssig.
Und Dich verpissend, zeigst Du, was Du bist – tatsächlich überflüssig.”
Und gnadenlos, wie Oskar ist – wir kennen ihn –
läßt er die SPD dort stehn, wo sie nun steht – vor dem Urin.
Denn ach, er kann das Lassen seiner Wasser nicht mehr lassen;
und so verströmt er sich fortlaufend für die Massen.
Aus vollster Blase quillt ihm die soziale Träne.
Fürwahr ein Quell der Hoffnung. Eben: La Fontaine.”
Von Dan am 6. Aug 2007 um 11:05 Uhr
Is ja klar das auf der roten Seite der Zeitung genau des gleiche vorgeworfen wird, wies der Heer Lafontaine macht. Zufall?
Schon mal was von Objektivität gehört? Lasst neutrale ran.