Bertolt Brecht: „Der Jude, ein Unglück für das Volk“

Wie die Lautsprecher des Regimes verkünden
Sind in unserm Land an allem Unglück die Juden schuld.
Die sich immerfort mehrenden Mißstände
Können, da die Führung sehr weise ist
Wie sie oft betont hat
Nur von den sich immerfort vermindernden Juden kommen.
Nur die Juden sind schuld, daß im Volk Hunger herrscht
Obwohl die großen Grundbesitzer sich auf den Feldern zu Tode arbeiten
Und obwohl die Ruhrkapitäne nur die Brosamen essen, die von der Arbeiter Tisch fallen.
Und nur der Jude kann dahinterstecken, wenn
Für das Brot der Weizen fehlt, weil
Das Militär für seine Übungsplätze und Kasernen
So viel Boden beschlagnahmt hat, daß er
an Umfang einer ganzen Provinz gleichkommt. Da also
Der Jude für das Volk ein Unglück ist
Kann es hiemit für das Volk nicht schwer sein
Einen Juden zu erkennen. Es braucht dazu
Weder Geburtsregister noch äußere Merkmale
– Alles dies kann ja täuschen – es braucht nur zu fragen:
Ist der oder jener Mensch ein Unglück für uns? Dann
Ist er ein Jude. Ein Unglück erkennt man
Nicht an der Nase, sondern daran, daß
Man einen Schaden hat dadurch. Es sind nicht die Nasen
Die das Unglück sind, sondern die Taten. Es braucht einer
Da doch keine besondere Nase, um
Das Volk berauben zu können, er braucht doch nur
Zum Regime zu gehören! Jeder weiß
Daß das Regime für das Volk ein Unglück ist, wenn also
Alles Unglück vom Juden kommt, muß
Das Regime vom Juden kommen. Das ist doch einleuchtend!

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