“Die Bilanz des Bolschewismus”
In einem älteren Buch habe ich ein einzelnes Hetz-Flugblatt mit dem Titel “Die Bilanz des Bolschewismus” gefunden. Es ist auf sehr dünnen Papier gedruckt. Die Druckerei war Jacques Graetz u. Co aus Berlin. Wann dieses Flugblatt entstanden ist und wer es herausgegeben hat, ist nicht bekannt. Ich würde jedoch auf die Zeit zwischen 1918 und 1933 tippen.
Hier erstmal ein Scan beider Seiten:
Dieses Flugblatt zeigt einmal mehr, wie Propaganda funktioniert. Man kann den inhalt eigentlich nicht als Lüge bezeichnen, Fakten werden dort durchaus richtig dargestellt. (Nach meinem derzeitigen Wissensstand.) Dabei werden aber entscheidende Faktoren verschwiegen. Der wichtigste “vergessene” Punkt ist, dass sich Rußland nach dem Sieg der Bolschewisten 1917 bei der Oktoberrevolution nicht nur weiterhin im 1. Weltkrieg befand sondern auch in einem schweren Bürgerkrieg, der bis 1920 dauerte. Dabei kämpften nicht nur Weißgardisten im Land gegen die junge Arbeitermacht, das Land wurde auch von nicht weniger als 14 Staaten überfallen, ohne eine Kriegserklärung.1
Verständlich, dass sich in dieser Zeit nicht nur die Bevölkerung in den Großstädten verringerte sondern auch, dass die Industrie stark litt. Einerseits durch den hohen Verpflegungsaufwand der Soldaten an der Front, anderseits aber auch durch fortwährende Terrorakte. Schaut man sich aber beispielsweise die Bevölkerungsentwicklung Moskaus an, wird man Erstaunliches feststellen:
Jahr – Einwohner
1915 – 1.817.000
1920 – 1.028.200
1926 – 2.019.500
Auch die Industrie nahm nach dem Kriege rasant zu. So war die Sowjetunion unter der Herrschaft der Bolschewisten das einzige Land, welches nicht unter der Weltwirtschaftskrise 1929 litt.
Dazu ein Zitat aus dem Politischen Rechenschaftsbericht des Zentralkomitees an den XVI. Parteitag der KPdSU(B) vom 27. Juni 1930, gehalten von J.W. Stalin:
Ich glaube, es erübrigt sich, besonders auf die Zahlen einzugehen, die das Vorhandensein der Krise demonstrieren. Dass die Krise da ist, bestreitet heute kein Mensch mehr. Ich beschränke mich deshalb darauf, eine kleine, aber charakteristische Tabelle anzuführen, die kürzlich vom deutschen „Institut für Konjunkturforschung“ veröffentlicht worden ist. Diese Tabelle widerspiegelt die Entwicklung des Bergbaus und der Hauptzweige der verarbeitenden Großindustrie in den USA, England, Deutschland, Frankreich, Polen und der UdSSR seit 1927, wobei das Produktionsniveau von 1928 gleich 100 gesetzt ist.
Hier diese Tabelle:
Jahr
UdSSR
USA
England
Deutschland
Frankreich
Polen
1927
82,4
95,5
105,5
100,1
86,6
88,5
1928
100,0
100,0
100,0
100,0
100,0
100,0
1929
123,5
106,3
107,9
101,8
109,4
99,8
1930 (I. Quartal)
171,4
95,5
107,4
93,4
113,1
84,6
Was besagt diese Tabelle?
Sie besagt vor allem, dass die USA, Deutschland und Polen eine scharf ausgeprägte Krise der industriellen Großproduktion durchmachen, wobei im ersten Quartal 1930 das Produktionsniveau in den USA nach dem Aufschwung in der ersten Hälfte 1929 gegenüber 1929 um 10,8 Prozent sank und auf das Niveau von 1927 zurückging; dass in Deutschland das Produktionsniveau nach einer dreijährigen Stockung, mit dem Vorjahr verglichen, um 8,4 Prozent zurückging und um 6,7 Prozent unter den Stand des Jahres 1927 sank, während in Polen das Produktionsniveau nach der vorjährigen Krise, mit dem Vorjahr verglichen, um 15,2 Prozent sank und damit um 3,9 Prozent unter den Stand des Jahres 1927 zurückging.
(…)
Sie besagt schließlich, dass es von allen Ländern der Welt nur die UdSSR ist, wo ein stürmischer Aufstieg der Großindustrie vor sich geht, und zwar ist das Produktionsniveau im ersten Quartal 1930 mehr als doppelt so hoch wie das Niveau von 1927, die Zuwachsrate steigt von 17,6 Prozent im Jahre 1928 auf 23,5 Prozent im Jahre 1929 und auf 32 Prozent im ersten Quartal 1930, bietet also das Bild einer von Jahr zu Jahr ansteigenden Entwicklungskurve.
Fazit: Richtig ist, dass Rußland nach der Machtübernahme der Bolschwisten mit riesigen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. Dies muss man aber im Gesamtzusammenhang der damaligen Zeit sehen. Wie dieser Kampf ausgehen wird, war 1918 noch nicht abzusehen. Es gelang der Sowjetmacht jedoch. das Land zu einem wirtschaftlich starken und sozial gerechten Land aufzubauen. Das ist die ware Bilanz des Bolschewismus!
Stalin hat eine Nation geerbt mit hölzernen Flügeln und hat uns eine Weltmacht hinterlassen mit atomaren Waffen.2
- Im Einzelnen waren das folgende Staaten: Großbritannien, Serbien, Frankreich, China, Japan, Finnland, Deutschland, Griechenland, Italien, Polen, USA, Rumänien, Tschechoslowakei, Türkei. Siehe dazu auch “Die große Verschwörung” von Michael Sayers und Albert E. Kahn bzw. den entsprechenden Wikipedia-Artikel zum Russischen Bürgerkrieg [↩]
- Das Zitat stammt aus dem Film “Die rote Verschwörung” nach dem Buch “Aurora” von Robert Harris. Dort äußerte den Satz ein alter Kommunist. Ansonsten ist der Film aber Schrott. Ich wurde von G. Ackermann darauf hingewiesen, dass das originale Zitat von Churchill stammt und lautet: “Er übernahm das Rußland des Hakenpflugs und hinterließ es im Besitz der Atomwaffe.” [↩]





4 Reaktionen
Von Gerald Sterling am 15. Jan 2008 um 16:59 Uhr
Netter Beitrag. Ist gut auch mal eine andere Seite zu betrachten, denn der Geschichtsunterricht wie ich ihn der Schule habe, ist leider sehr zu einer Seite grepägt. Nach dem Motto, damals war alles schlecht, weil es nicht funktionierte, aber der tatsächliche Hintergrund wird immer verschwiegen.
Von Siebenschlaf am 16. Jan 2008 um 13:36 Uhr
“Jacques Graetz” war eine zwischen 1918 und ca. 1923 in Berlin tätige Flugblatt-Verlag individual-sozialistischer bzw. sozialdemokratischer Ausrichtung. Es gibt von dort einiges brauchbare Material zu eriedensforderung und Soldatenpropaganda, ist aber nicht systematisch erfasst.
J.G. hatte starke Beziehungen nach Ostpommern, er schrieb ein Buch über das Casino der Stadt Sopot, die zum Raum Danzig gehörte.
Von Siebenschlaf am 16. Jan 2008 um 13:39 Uhr
P.S. Ich vermute, dass es sich um einen auszugsweisen Raubdruck handelt, und zwar von Gawronsky, Dimitri: Die Bilanz des Bolschewismus. Auf Grund authentischer Quellen, Berlin: Paul Cassirer 1919, 88. S.
Von Woschod am 16. Jan 2008 um 13:40 Uhr
Dann könnte das Flugblatt sogar von der SPD stammen?