Opfer des Kapitalismus (1)
3. Juni 2009 19:47In seinem Buch Late Victorian Holocausts (Spätvictorianische Holocauste) von 2001 erzählt Mike Davis die Geschichte von Hungersnöten, die zwischen 12 und 29 Millionen Inder umbrachten. Diese Menschen wurden, wie er zeigt, durch staatliche Maßnahmen Großbritanniens ermordet.
Als 1876 eine El Niño-Trockenheit die Bauern der Dekhan-Platte (Südindien) in Elend stürzte, gab es einen Überschuss an Reis und Getreide in Indien. Aber der Vizekönig, Lord Lytton, bestand darauf, dass nichts seinem Export nach England im Wege stehen sollte. 1877 und 1878, zur Zeit der schlimmsten Hungersnot, exportierten Getreidehändler die Rekordmenge von 390 Mio. kg Getreide. Als die Bauern zu verhungern begannen, wurde den Regierungsbeamten empfohlen, “Hilfsleistungen in jeder nur möglichen Weise zu unterbinden” . Das “Gesetz gegen wohltätige Spenden” von 1877 verbot bei Gefängnisstrafe private Spenden gegen das Notleiden, die möglicherweise Einfluss auf die Marktfixierung des Getreidepreises ausüben könnten. Die einzige Linderung, die in den meisten Distrikten erlaubt war, war schwere körperliche Arbeit, zu der niemand in einem fortgeschrittenen Zustand des Verhungerns zugelassen wurde. In den Arbeitslagern bekamen die Arbeiter weniger Nahrung als die Insassen von Buchenwald. 1877 entsprach die monatliche Sterblichkeit einer jährlichen Sterberate von 94%.
Während Millionen starben, startete die imperiale Regierung eine militärisch gestützte Kampagne zur Eintreibung der sich während der Dürre angesammelt habenden Steuerrückstände. Das Geld, [dessen Entzug] die zugrunde richtete, die die Hungersnot sonst vielleicht hätten überleben können, verwendete Lytton, um seinen Krieg in Afghanistan zu finanzieren. Sogar an Orten, wo ein Getreideüberschuss produziert worden war, schafften die Exportmaßnahmen der Regierung, so wie die von Stalin in der Ukraine, künstlich Hunger. In den nordwestlichen Provinzen, in Oud und in Punjab, die in den vorangegangenen drei Jahren Rekordernten eingefahren hatten, starben wenigstens 1.25 Millionen.
Mike Davis, 2001. Late Victorian Holocausts: El Nino Famines and the Making of the Third World. Verso, London
(Der Titel der Übersetzung ins Deutsche ist “Die Geburt der dritten Welt”)
Quelle: “Wie Großbritannien seine Holocauste leugnet” von George Monbiot


