Offener Brief zum Thema Ausländerfeindlichkeit in Dresden

Im Internet ist ein sehr lesenswerter offener Brief von Prof. Wolfgang Donsbach vom Institut für Kommunikationswissenschaft der TU-Dresden über den Umgang der Dresdner Bevölkerung mit dem Tod von Marwa El Sherbiny erschienen, auf den wir euch dieser Stelle hinweisen wollen.

Offener Brief zum Thema Ausländerfeindlichkeit in Dresden

Dresden – wache auf!

An der Trauerfeier für die ermordete Marwa El Sherbiny am Samstagnachmittag nahmen laut Agenturberichten 1500 Menschen teil. Das ist eine wohlwollende Schätzung. Wahrscheinlich waren es keine 1000, unter ihnen viele ausländische Mitbürger und Organisationen. Die Oberbürgermeisterin hielt es nicht für nötig, wegen dieses Anlasses ihren Urlaub zu unterbrechen. Auch der erste Mann im Freistaat ließ sich durch zwei Minister vertreten. Die mangelhafte Organisation, von der Qualität der Akustik bis zu dem Durcheinander am Ende, als es darum ging, die weißen Rosen abzulegen und sich in das Kondolenzbuch einzutragen, zeigt eines: Dresden hat nicht verstanden, welche Dimension dieses Verbrechen für die Stadt hat und welche Dimension man deshalb seiner Bewältigung zukommen lassen muss. Wirtschaftsbürgermeister Dirk Hilbert muss man zu Gute halten, dass er in seiner guten Rede das Problem gleich zu Beginn auf den Punkt brachte: Wenn wir der Welt etwas beweisen wollen, dann müssen beim nächsten Mal mehr Menschen kommen.

Die Bilder und Berichte von diesem Verbrechen gehen um die Welt und sie fügen sich ein in ein bereits vorhandenes Urteil über unsere Stadt: dass man als ethnisch anders aussehender Mensch hier nicht sicher ist. Es ist die falsche Strategie, wie es nun manche tun, mit Statistiken gegen dieses Urteil anzugehen. Die Tatsache, dass weniger als ein Promille aller Straftaten einen fremdenfeindlichen Hintergrund hatte, interessiert – und zwar zu Recht – außerhalb Dresdens keinen Menschen, wenn in hässlicher Regelmäßigkeit Nachrichten über Angriffe in öffentlichen Verkehrsmitteln oder auf der Straße in den internationalen Medien auftauchen. Das ist – und das schreibt jemand, für den Statistiken zum Arbeitsalltag gehören – kein Fall für die Statistik, zumindest nicht die Kriminalstatistik.

Andere Zahlen sind hier bedeutender. Ich habe im Winter-Semester 2008/2009 mit meinem Seminar eine Umfrage unter ausländischen Studierenden der TU Dresden durchgeführt. Jeder Dritte sagte, er habe “schon negative Erlebnisse gehabt, bei denen er zum Beispiel wegen seiner Nationalität beschimpft worden ist oder schlimmeres”. Bei Studenten aus dem Nahen und Mittleren Osten sind es sogar 50 Prozent. Die Ereignisse, von denen die Studenten berichten, reichen von allgemeinen Beschimpfungen (51 Prozent) bis zur Androhung von Gewalt (13 Prozent) und tatsächlicher Gewaltausübung (6 Prozent).

Wer mit Ausländern näher zu tun hat weiß, dass dies nicht nur Zahlen sind. Bei einem Empfang unterhielten wir uns mit dem jüngsten Konzertmeister der Staatskapelle Dresden, dem Cellisten Isang Enders. Fühlt er sich außerhalb seiner Arbeit in einem weltberühmten Orchester wohl in Dresden? Nein. Um kurze Wege zu haben, wohnt er nahe an seinem Arbeitsplatz. Wenn er Freunde in Dresden besucht, dann nur mit dem Taxi von Tür zu Tür. Sein Problem: Er ist Kind deutsch-koreanischer Eltern und hat Angst auf Grund seines asiatischen Aussehens angegriffen zu werden. Solchen Gefühlen kann man nicht mit der Kriminalstatistik und Wahrscheinlichkeitsrechnungen begegnen. Sie sind real vorhanden und beeinträchtigen das Lebensgefühl. Versetzen wir uns doch einmal in die Lage einer arabischen Studentin, die mit Kopftuch abends in eine dünn besetzte Straßenbahn steigt!

Diese Menschen sind ebenso wie die Medien, die über solche Vorkommnisse reden, Botschafter des Images unserer Stadt. Diese Woche bekommen wir Besuch von einer amerikanischen Freundin. Vor zwei Wochen kam eine Email, ob ich wisse, dass ihre Adoptivtochter schwarz sei und wie gefährlich es auf Dresdens Straßen sei – man höre doch so manches…

Dresden, und zwar Stadtverwaltung wie Bürger, hat noch nicht begriffen, was das Thema für die Stadt bedeutet, welchen Schaden es anrichtet und welche Ursachen es hat. Wir haben einen deutlich erkennbaren Sockel an bekennend ausländerfeindlichen Bürgern, eine Mehrheit, der das Thema gleichgültig ist – wie die Trauerfeier wieder gezeigt hat – und ein paar Aufrechte, die etwas ändern wollen. Das ist zu wenig. Im März befragten wir in einer Repräsentativumfrage unter mehr als 500 Dresdnern, welche Nachbarn einem unangenehm wären. Jeder Vierte nennt Türken, 18 Prozent Osteuropäer und 10 Prozent Afrikaner. Ein Drittel der Dresdner hat Sympathien für die Idee, Ausländer wieder nach hause zu schicken, wenn Arbeitsplätze knapp werden, ein Viertel fühlt sich angesichts „der vielen Ausländer“ (nebenbei: Dresden hat von allen deutschen Großstädten die wenigsten Ausländer) „wie ein Fremder im eigenen Land“. Das ist NPD-Gedankengut bei einem maßgeblichen Teil der Bevölkerung. Dabei muss man bedenken, dass solche Antworten im Interview sogar eher noch positiv verzerrt sind.

Wann wacht die Stadt auf und redet sich das Problem nicht mit dem Hinweis auf Kriminalstatistik und dem russischen Kulturhintergrund des Täters im Falle Marwa schön? Die Stadt diskutiert vorrangig über Veranstaltungskonzepte à la Riesa und die Zukunft des Kulturpalasts, Maßnahmen, die unter dem gegenwärtigen Image Dresdens keinen zusätzlichen Ausländer anlocken werden. Die Einsicht in das Problem, dass es nicht nur um verrückte Einzeltäter, sondern um weit verbreitete Haltungen geht, wäre der erste Schritt zur Lösung.

Dresden, 12.07.2009

(via aadn.me)

Siehe dazu auch: „Mörder äußerte vor Attacke Sympathie für NPD“

Kurz vor dem Messerangriff auf die Ägypterin Marwa el S. im Landgericht Dresden hat der Täter nach Informationen des Tagesspiegels Sympathien für die NPD geäußert. Zunächst fragte Alex W. die Ägypterin im Saal, „haben Sie überhaupt ein Recht, in Deutschland zu sein?“ Dann setzte er nach, „Sie haben hier nichts zu suchen“. Der Russlanddeutsche wurde lauter und drohte, „wenn die NPD an die Macht kommt, ist damit Schluss. Ich habe NPD gewählt.“ Gleich danach stürzte er sich mit dem Messer auf Marwa el S. und ihren Ehemann.

(via Im Namen des Volkers)

  1. 4 Reaktionen

  2. Von gewe am 14. Jul 2009 um 20:43 Uhr

    Neonazis, Ausländerfeindlichkeit – weitere Blätter der Dresdner Unrühmlichkeiten.
    Nein, es ist KEIN Zufall, dass dies alles in einer Stadt geschehen kann, die auf ihr Weltkulturerbe pfeifft.
    Nein, es ist KEIN Zufall, dass gerade in dieser Kulturstadt außerordentlichen Ranges, jedes Jahr im Februar immer mehr dieser Braunen Horden aufmarschieren dürfen und von Polizei, Politik und Justiz ihrem schändlichen Treiben kein Einhalt geboten wird.
    Das sind die Folgen der bürgerlichen, erzreaktionären Politik der derzeit Machthabenden. Es ist der Schoß fruchtbar noch, aus dem dieses braune Getier kriecht. Schlimmer, in der Dresdner Weltkulturstadt, auf die eine ganze Welt schaut, kann diese braune Natternbrut nicht nur schlüpfen – nein hier kann so etwas heranwachsen. Das München von 2020? Die Geburtsstädte eines neuen Gröfatz? Das Bürgertum der Stadt, die mir in meinem gesamten Leben am meisten am Herzen lag und liegt, wird auch diesem Unheil wiederstandslos zuschauen und es befürworten.
    Es ist – und ich wiederhole mich – zum Kotzen. Muß erst wieder alles in Schutt und Asche liegen, bis die Menschen hier aufwachen und sich aktiv gegen die Faschisten der Heutzeit stellen?

  3. Von peter s. am 15. Jul 2009 um 16:19 Uhr

    ich kenne die heutige situation in dresden nicht.

    doch als westberliner war ich zu ddr-zeiten oft in dresden und erfuhr auch damals schon einen haß auf ausländer.
    vor allem in der ddr studierende wurden mit argwohn und haß begleitet.
    es ging um freundschaften zu ddr-mädchen und die sonderstellung der studierenden in den intershop-läden einkaufen zu können.

    damals sorgte der stat für die sicherheit ihrer gäste. und kein ddr-bürger trat öffentlich als rassist in erscheinung. (so schlimm war das damals …)

    heutzutage werden rassisten und npd durch die deckung des staates ermuntert. (sie dürfen sich nur nicht erwischen lassen) die medien berichten kaum über die täglichen übergriffe von rassisten. (auch in berlin u.a.)
    wir sind halt heute frei – so frei, das der verfassungsschutz seine leute in der npd in schlüsselpositionen gesetzt hat und ein verbotsantrag jederzeit scheitern wird. (grüne-schily / cdu-schäuble / innenminister der länder ?)

    ich frage mich, ob sie diese leute mal wieder brauchen ?

    meist wird der export und das ansehen in der welt als argument vorgebracht, wenn es mal zu tödlich wird – das rassismus gegen das menschenrecht verstößt und deshalb strafbar ist, wird kaum erwähnt.

  4. Von ausländer anonym am 29. Aug 2009 um 11:08 Uhr

    ich bin zur eine Hochzeit in Dresden eingeladen von eine Frau die eine Dresdenerin ist, und in Westdeutschland lebt, und wirklich ziemlich weit ausgebildet ist, und aber irgendwann bei einem Gespräch die Äusserung gemacht hat dass es sie im Westen am meisten störte dass ZU VIELE Ausländer in Westliche Städte so rumlauffen.

    Trotzdem fahre ich halt für 2 Tage nach Dresden. Ich habe schon ein wenig Mulmiges Gefühl aber habe ich schon oft gehört dass Altestadt Dresden soll sehr schön sein, und das will ich auch mal gesehen haben.

    hoffentlich geht alles gut und ich kehre nicht zurück in Leichenwagen. Ich bin auch noch ein Türke, und habe schon sehr oft gehört dass meist Dresdern Meine Landsmänner ganz besonders handeln!!!.. 😈

    Naja ich lass mich mal überraschen. Wie sind die Streitkräfte da so darauf? Sind Sie auch auf die Seite von Dresdnern?…

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  2. 1. Aug 2009: reapers blog

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