„Lüge vom Präventivkrieg“

Auszug aus der Jungen Welt vom 28. Juni 2011

Doch im Hinblick auf die außenpolitischen Schritte des Kreml, die dem Lande einen Krieg ersparen sollten, geben die Tatsachen Material für irgendeinen Historikerstreit nicht her. Was die sowjetische Diplomatie seit 1933 unternahm und sich mit dem Namen des Außenkommissars Maxim Litwinow verbindet, geschah auf offener Weltbühne: die Umsteuerung der sowjetischen Außenpolitik hin auf eine Verständigung mit Frankreich 1933, zuvor schon der Abschluß eines sowjetisch-französischen Nichtangriffsvertrages 1932 und dann eines Handelsvertrages im Januar 1934, der Eintritt in den Völkerbund 1934, das Projekt Politik der kollektiven Sicherheit, der Abschluß der Beistandsverträge mit Frankreich und der Tschechoslowakei im Mai 1935, das Festhalten an dieser alternativlos erscheinenden Politik bis zum Versuch ihrer Reanimierung nach dem 15. März 1939, als die Wehrmacht in Prag einrückte, die britisch-französische Appeasement-Politik vor einem Scherbenhaufen stand und man in London und Paris neu nachdenken mußte. Am Inhalt und der Richtung dieser Politik prallt historische Kritik ab. Sie war geeignet, jene politisch-militärische Abschreckung zu schaffen, die Hitler bei aller Abenteuerlust in einen Konflikt mit seinen Militärs gestürzt hätte, denn die wollten nicht ein zweites Mal einen Krieg verlieren.

Also wird diese sowjetische Außenpolitik, die, was den Umgang mit einem potentiellen Aggressor anlangt, denkwürdig ist, am besten übergangen oder – wie im Spiegel – auf weniger als ein Dutzend Worte reduziert: Stalin bemühte sich »um ein Bündnis mit dem Westen«. Kein Wort darüber, wer es nicht entstehen ließ. Statt dessen wird mit Unschuldsmiene der Eindruck erweckt, es habe vor dem deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt vom 23. August 1939 eine der Erinnerung werte sowjetische Europapolitik nicht gegeben. Dieser Vertrag, über dessen Zulässigkeit sich in Rußland derzeit unter Beteiligung russischer Staatsoberer gestritten wird, wobei die Skala der Urteile von »ein Meisterstück Stalins« bis zur totalen Verdammnis reicht, war die Antwort auf das gescheiterte kollektive Sicherheitsprojekt, das jene antisowjetischen Kreise zunichte gemacht hatten, welche vor allem die britische Außenpolitik bestimmten. Gegen vielstimmige Warnungen im eigenen Lande. Was sich gegen die deutsch-­sowjetischen Verträge vom August und September 1939 einwenden läßt, was gegen die sowjetische Praxis ihrer »Ausfüllung«, sie stehen jedenfalls für die Absicht, nachdem die Möglichkeit nicht mehr existierte, den Frieden zu erzwingen, die eigenen Völker aus dem Kriege herauszuhalten. Kann das nicht geleugnet werden, so wird doch weiter der Versuch unternommen, den Nachweis zu führen, daß Stalin lediglich den Zeitpunkt für den Überfall auf Deutschland aufgeschoben hätte, ihn jedoch vorbereitete und nur die günstige Gelegenheit abwartete, die Rote Armee westwärts stürmen zu lassen. Das ist in modifizierter Form die Neuauflage der Lüge vom deutschen Präventivkrieg.

Nur: Es sind die Tatsachen sehr sperrig. Nachgewiesen ist, daß Stalin nicht an einen Frieden auf Dauer glaubte und die Vorbereitungen für den Kriegsfall zu intensivieren trachtete. Auch was da geschah, ist derzeit in der russischen Publizistik erbittert umstritten. Doch rechnete Stalin nicht damit, daß die Wehrmacht angreifen werde, solange sie mit Großbritannien nicht »fertig« war, denn Hitler hatte sich im September 1939 doch gerade gerühmt, einen Zweifrontenkrieg vermieden zu haben. Keine dem entgegenstehende, die akute Gefahr signalisierende Information, und die gab es übergenug und aus verläßlichen Quellen, kam gegen diese fixe Idee an. Immer wieder wird gefragt: Wie konnte das einem Mann passieren, der – was immer er sonst war – jedenfalls doch nicht zu den Dummköpfen gehörte? Stalin glaubte offenbar, daß die Logik des objektiven Kräfteverhältnisses, die gegen die erneute Ausweitung des Kriegsfeldes durch die deutschen Machthaber sprach, auch die Logik im Denken Hitlers wäre. Daß der die Kapitulation Londons zu erhalten glaubte, nachdem er Moskau erobert und sich den Weg nach dem Vorderen und Mittleren Orient geöffnet hätte, lag außerhalb seiner Kalküle.

So wurden auch die Warnungen vor allem seiner Militärs und des Geheimdienstes in den Wind geschlagen. Im Wissen um die Konzentration der Wehrmachtsarmeen vor den Grenzen der UdSSR hat Georgi Shukow, Chef des Generalstabs der Roten Armee, Stalin vorgeschlagen, in diese sprungbereiten Millionen mit den eigenen Kräften hineinzustoßen, ein Unternehmen, das den Namen Präventivschlag verdient und die Chancen der Wehrmacht zwar nicht zunichte gemacht hätte, was Shukow glauben mochte, sie aber jedenfalls herabsetzen konnte. Denn zumindest würde ein solches Vorgehen die vollständige Mobilisierung der eigenen Kräfte verlangt haben. Stalins Entscheid lautete: Njet. Noch immer glaubte er, dem Überfall entkommen oder wenigstens ihn aufschieben zu können. Welche weiteren Rechnungen sich Stalin über den Fortgang des Krieges und die Haltung der UdSSR machte, darüber kann spekuliert, aber nicht sicher geurteilt werden. Mit einer Ausnahme: Solange die deutschen Armeen siegten, lag ihm jede Idee fern, sich ihnen zu konfrontieren. Die Legende vom beabsichtigten Krieg des Machthabers im Kreml hat in der Geschichtswissenschaft keinen Platz. Die Formel vom »Hitler-Stalin-Krieg« ist eine große Lüge.

  1. Eine Reaktion

  2. Von Jerry am 29. Jun 2011 um 19:08 Uhr

    Betrachten wir einmal die Umstände im Sommer ’39. Daß es über kurz oder lang zu einem Krieg kommen würde, war aus sowjetischer Hinsicht nach der Zerschlagung der Tschecheslowakei wohl nicht zu übersehen. Nun gab es zwei potentielle große Kriegsakteure, einmal die Faschismen Deutschlands, Italiens, Spaniens und einiger osteuropäischer Staaten, zum anderen die kapitalistischen Demokratien in Großbritannien, Frankreich, Polen, usw.
    Daß beide Seiten an einer Weiterexistenz der Sowjetunion vorsichtig gesagt kein besonders großes Interesse hatten, sollte offensichtlich sein.
    Um in einem solchen Konflikt nicht als Kolateralschaden oder Verfügungsmasse zu enden, wie schon im an den Weltkrieg angeschlossenen Bürgerkrieg, war es für die UdSSR dringend nötig, sich irgendwie mit einer Seite zu verständigen.

    Die Verhandlungen mit dem Westen, die zunächst bevorzugt wurden, sind gescheitert, also wandte man sich an die Mittelmächte. Wenn man von einigen Inhalten des Vertrages absieht, die wirklich verzichtbar waren, eine rein logische Entscheidung zum Überleben des Staates und noch wichtiger des Systems des Sozialismus.
    Es ist natürlich ironisch, daß derjenige Staat, der den größten Anteil am Scheitern der Verhandlungen mit den kapitalistischen Systemen hatte, auch der Hauptgrund gewesen sein dürfte, daß der deutsche Faschismus überhaupt ein Bündnis suchte, und nicht direkt einmarschierte.

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