Antwort an einen Occupy-Aktivisten…

… der meinte, ihm machen Linke Angst und er will mehr Demokratie.1

Ich möchte eine demokratische Gesellschaft, in der die Menschen auch entscheiden können, wer ihre Interessen vertritt. (Nicht wer sie regiert!). Das kann eine Partei sein, das können gerne auch mehrere Parteien sein. Aber da gibt es einige Punkte, die unveränderbar feststehen müssen.

- Alles muss im Interesse aller Menschen sein und nicht einiger weniger, finanzstarker Konzerne
- Das bedeutet, die (entscheidenden) Produktionsmittel müssen dem Volk gehören
- Alle Menschen sind gleichberechtigt, egal welche Herkunft, welche Hautfarbe, welche Religion
- Rassismus, Nationalismus, rechtsradikale Umtriebe müssen bedingungslos verboten sein
- Niemand darf etwas tun, was anderen schadet
- Soziale Absicherung aller Menschen, ohne irgendwelche Bedingungen und ohne Kosten (z.B. bei Krankheit)
- ordentlich bezahlte Arbeite für jeden
- Bildungsgleichheit für alle, ohne finanzielle Belastungen
- Niemals, absolut niemals feindliche, militärische Aktionen gegen andere Staaten
- Jeder Mensch muss sich frei bewegen können ohne irgendwelche Einschränkungen

Nun wirst Du vermutlich sagen, das willst Du ja auch. Aber ich sage Dir, in einem System wie in Deutschland, in einer kapitalistischen Gesellschaft, werden wir das niemals erreichen. Darum ist eine revolutionäre Umgestaltung der Gesellschaft hin zu einer sozialistischen Gesellschaft nötig. Darum ist es als erstes nötig, die Macht des Kapitals zu brechen, es zu enteignen. Und das ist es, was Linke wollen.

Ich kann nicht für alle Linken sprechen, aber ich will keine Gulags, keine Grenzen, keine Benachteiligungen von Menschen weil man nicht in einer bestimmten Partei ist. Ich will auch keine Stasi und keine 60:40 Quote bei der Musik im Radio. Ich weiß, das eine oder andere hat es durchaus in der Vergangenheit gegeben. Manches unnötigerweise, manches den damals herrschenden Umständen geschuldet. Aber aus der Geschichte können wir lernen, wir können es besser machen.

Eine Freundin meinte mal auf den Vorwurf, die Geschichte hätte ja gezeigt, das Sozialismus nicht funktioniert, das hört sich an wie ein Urmensch, der nach einem Unwetterjahr sagt: Es zeigt sich, die Felderwirtschaft funktioniert nicht, lasst uns zurück in die Höhlen ziehen.

Und die FDJ schrieb mal auf einem Flugblatt: „Ja, selbst wenn diese DDR noch schlimmer war, als uns das Fernsehen jeden Tag vorlügt: Ja, wir wollen diesen winzigen Anfang! Diesen Sack Probleme und Fehler der DDR, den wollen wir auch. Denn wir haben große Lust, uns zu versuchen an diesen Aufgaben! Weil es in einer fehlerhaften Gesellschaft hilft, an Fehlern zu arbeiten! Denn um zu einem staatenlosen, friedlichen Miteinander der Menschen zu kommen, müssen wir erst denen das Handwerk legen, die skrupellos über Leichen gehen für ihren Profit. Eine faulende Gesellschaft wie diese, die eine Sackgasse darstellt, in der wollen wir nicht länger herum doktern. Ein Anfang aber, wie klein er auch sein mag; ist immer die Zukunft!“

Zu den gruendsaetzlichen Fragen des Sozialismus/Kommunismus empfehle ich Dir zwei Dokumente.
1. Friedrich Engels: „Grundsätze des Kommunismus“ (http://goo.gl/t3QBV)
2. Das kommunistische Manifest

Verstehst Du denn, warum in diesem Land die Linken bekämpft werden?

In den 50er Jahren wurden in der BRD die linken Organisationen FDJ und KPD verboten. Aber entgegen dem Potsdamer Abkommen wurden faschistische Parteien in der BRD wieder zugelassen. Warum also gegen die Linken und nicht gegen die Rechten? Weil die Rechten das machen, was das System braucht. Sie hetzen die Menschen gegeneinander auf. (Nur wenn sie zu radikal werden, dann wird mal ein bisschen DU-DU mit dem Finger gewedelt.) Und wenn die Menschen die Ursachen für ihre Misere in anderen Menschen sehen, dann erkennen sie die wahren Gründe nicht. Die Linken dagegen bekämpfen das System und das Kapital. Darum sind sie bei der herrschenden Klasse (nicht wir sind diese! Kreuzchen machen ist keine Macht sonder Pseudodemokratie.) so verhasst.

Und wenn Du daran zweifelst, dass das Kapital die wirklich herrschende Klasse ist, dann schau Dir mal die letzten 10 Jahre an, was da alles passierte an großen Umwälzungen: Afghanistankrieg, Hartz 4, Zeitarbeit, Rente mit 67, 10 Euro pro Quartal beim Arzt, Verschärfung (Aushebelung!) des Asylrechts, Wirtschaftskrise, Kreditkrise… War davon irgendetwas im Interesse der Menschen in diesem Land? Oder im Interesse derer, die auf dem Geld sitzen?

Ein bisschen bessere Demokratie und gemäßigter Kapitalismus, so wie es Attac fordert, so wie es vermutlich Occupy will, das löst die Probleme nicht. Eine grundlegende Veränderung ist nötig! Und glaub mir, wenn ihr die versucht, dann gibt es mehr als nur Gummiknüppel und Pfefferspray in die Fresse.

  1. Weder der Aktivist noch ich sprechen hier für alle Occupyer oder Linken. ;) []
  1. 4 Reaktionen

  2. Von andreas f. am 7. Jan 2012 um 19:19 Uhr

    ach, diese occupy-bewegung, ist doch wieder nur so eine one-point-bewegung, die niemals an den grundfesten(-übeln) des kapitalismus rüteln wird. traurig ist, das wir linken immer diesen bewegungen hinterherrennen müssen, um vielleicht mal bündnispartner zu finden, oder vielleicht mal paar leute doch zu überzeugen. woschod, dank dir für deine hinweise, wirklich angebracht deine literaturhinweise, tut immer wieder gut das mal zu lesen.

  3. Von gewe am 8. Jan 2012 um 09:21 Uhr

    Tja unsere Wünsche und die Realität. Leider zwingt uns letztere zu Dingen, die wir eigentlich gar nicht wollen. Zu gern würden wir eine gewaltfreie sozialistische Revolution machen. Doch wie immer in der Geschichte, läßt das der Klassengegner nicht zu. “Friedliche Revolution” von 1989 … naja da dürfte wohl eher zutreffen, dass es eine friedliche – weil vom Gegner gewünscht – Konterrevolution war.
    Eine proletarische Revolution ist allerdings das allerletzte, was sich der Gegner wünscht. Mit dieser Revolution wird es auch solange nix werden, wie die gesellschaftlichen Umstände die “Linken” nicht zu einheitlichen, auf marxisitscher Grundlage basierendem Handeln zwingen.

    Nazis in Dresden blockieren gelang, als sich alle Antifaschisten gemeinsam – unabhängig von sonstigen Anschauungen – zusammenfanden und gemeinsam gegen die braune Brut auf der Straße saßen. Aber selbst soviel Demokratie war der herrschenden Bourgeoisie zu viel. Da wurde geprügelt, mit kaltem Wasser (im Januar!) gespritzt, illegal Handys abgehört, in Räume der PDL unrechtmäßig gewaltsam eingedrungen und ständig eingeschüchtert. Würden es die Herrschaften mit ihrem ganzen derzeitigem Antifa-Getue wirklich ernst machen, dann sollten sie die Naziaufmärsche verbieten und Dresden wäre im Februar eine friedliche, im stillen Gedenken verharrende Stadt. Leider sieht es auch dieses Jahr nicht danach aus. Also sind die antifachistischen Kräfte gezwungen, wieder auf die Straße zu gehen – und nicht nur zum Blümchen- und Händchen halten.

  4. Von Jerry am 9. Jan 2012 um 01:19 Uhr

    Eine nette, kleine Agitation, aber in dieser Form nicht zielführend. Sozialismus benötigt sozialistisches Bewußtsein, und das wächst nicht über Nacht. Eine Revolution, wie sie die logische Konsequenz aus den Ausführungen ist, würde demnach auch nur den Willen (bei den tatsächlichen Interessen sieht es anders aus) einer Minderheit ausdrücken und hätte, selbst wenn sie friedfertig abliefe, brutale Konterrevolutionen zur Folge.
    Zudem ist das anarchische Chaos, das auf eine Revolution und den plötzlichen Machterhalt folgt, wirklich keine Umgebung, um eine koordinierte sozialistische/kommunistische Gemeinschaft aufzubauen. Die Vielfalt der Handlungsmöglichkeiten und -anforderungen führt dann zwingend zur Überforderung.

    Woran es Revolutionären fehlt und was sie in diese Position bringt, ist die Geduld. Radikale Veränderungen brauchen Zeit, sonst werden sie nicht angenommen und gehören bald wieder der Geschichte an. In Deutschland wurde diese Lektion mit dem Warnschuß ’53 schmerzhaft gelernt, und von da an bemühte man sich um ein gemäßigteres Tempo (daß das letztlich im Stillstand mündete, ist eine andere Geschichte).
    Das linke Gesellschaftsmodell kann und es wird sich durchsetzen, an diesem historischen Determinismus habe ich keine Zweifel. Aber der Schlüssel dazu ist nicht Eile und Gewalt, sondern der längere Atem gegenüber dem asthmatischen Kapital. Das dauert länger und kann auch Rückschläge beinhalten, aber es hat Bestand. Bestenfalls reden wir über zahlreiche Jahrzehnte, vermutlich eher einen Bereich, den keiner von uns noch erleben wird, aber das ist weder Grund, nicht weiter darauf hinzuarbeiten, noch sofort den Weg mit der Brechstange abzukürzen.

    Ich will einen natürlich gewachsenen Sozialismus, für den wir schrittweise die Wurzeln legen, im Handeln von Regierungen genauso wie im Bewußtsein der Menschen. Das heißt zunächst einmal verstärkte Beteiligung linker Kräfte am gesellschaftlichen Prozeß und nicht dessen Beseitigung. Solche Texte wie der des Eintrags eignen sich in diesem Zusammenhang natürlich auch, aber weniger kämpferisch geprägt, als Gegenpropaganda gegen diejenige des Kapitals.
    Ich bin Reformer, und das, weil ichs für richtig halte.

    P.S.: Was die aktuellen Negativbeispiele des Systems angeht, Praxisgebühr und Rentenverzögerung hätte ich rausgelassen, da beides auch in linken Systemen nötig sein könnte.

  5. Von Bitte am 10. Jan 2012 um 20:44 Uhr

    Ein guter Start ins neue Jahr. Wo ist der gefällt mir Button ;-) für Schnelldenker?

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