Gauckfreuden: Der Witwe Honecker beim Überleben zugeschaut

Folgender Artikel stammt von Fritz Güde und wurde auf trueten.de veröffentlicht. Der Inhalt dieses Werkes ist lizensiert unter der Creative Commons Lizenz.

Gauck hatte sie energisch eingefordert bei seinen verschiedenen Festvorträgen: die Amtsfreude des Westbürgers. Er kann nicht oft genug zu Kohlpreis und Merkeltum ermuntert werden im Rückblick auf die Erniedrigung und Fesselung, die er zwar nicht erlitten hat, aber die ihm seit sechzig Jahren vorgeführt wird. Einfacher gesagt: Kalter Krieg verdünnt – unter Glasur.

Das Interview mit Margot Honecker am Montag im Ersten Programm folgte exakt der Vorschrift des neuen Präsidenten. Hervorstechendes Merkmal der ehemaligen Ministerin für Volksbildung: sie bereute nichts. „Starrsinn“ „realitätsfremd“ – entsprechendes Vokabular wurde schon in den Vorweg-Kommentaren an ihr aufgebraucht.

Journalisten werden inzwischen Staatsanwälte. Als solcher trat der Interviewer auf. Ein Staatsanwalt ohne offenen Fluch auf den Lippen. Lächelnd, zurückgenommen. Den nötigen Kommentar sollten die Einschiebungen liefern: Bilder aus der wirklichen DDR- und Bekenntnisse von Zeugen.

Erwartet wurde „Reu und Leid“. Wie konnte alles nur so kommen! Das haben wir nicht gewollt… Ein Stück heulendes Elend. Alterchen zum tröstenden Schulterklopfen!

Davon lieferte Margot Honecker nichts. Da keine konkreten Fragen über konkrete Regierungsschritte gestellt wurden, blieb nur eisiges Beharren.

Zurückweisung als freilich leere Geste.

Um ein Beispiel zu geben. In den Statistiken der letzten Tage über die Zahl der Kindertagesstätten in Deutschland ergab sich, dass nur auf dem Gebiet der ehemaligen DDR halbwegs die Menge erreicht war, die unsere Bundesregierung vor Jahren der ganzen BRD versprochen hatte. Warum? Gerade unter dem Ministerium Honecker wurden solche landesweit eingeführt. Und blieben.

Darüber hätte diskutiert werden können.

Statt dessen blies das ganze Interview Paraden-Propaganda. Ungewollt brachte es doch einige Erkenntnisse zu Tage. So wurde die Lage des Ehepaars Honecker nach der ersten Entlassung aus Untersuchungshaft schonungslos gezeigt. Sie war die Rechtlose, obwohl in der Verfassung der DDR wie in der unseren jedem Bürger ein Obdach zugesichert wurde. Da wurden im Interview alte Genossen und spätere Widerständler befragt, ob sie damals bereit gewesen wären, die Herumirrenden aufzunehmen. Keiner von den Männern, die später im Westen für ihren Mut gepriesen wurden, hätte sich dazu bereit erklärt. Die Angst vor dem Mob war stärker als die vor der Obrigkeit.

Helmut Schmidt sprach das Schlussurteil. Seiner Absicht nach dem Staatsratsvorsitzenden Honecker. In Wirklichkeit allen Staaten Europas unter der Regie von Merkel und seiner eigenen Partei in Anwartschaft der Regierungsbeteiligung. Was nannte der Altkanzler als entscheidenden Grund für Honeckers Scheitern? Das Land sei „überschuldet“ gewesen!

Dass er damit den heutigen Griechenland, Spanien und Portugal das Todesurteil mit ausgesprochen hat – wer merkte es schon? Im Jahre 2030 werden Schmid und Honecker immer noch in den Geschichtsbüchern auftauchen – ganz gegen die Prophezeiung des Altkanzlers – aber vielleicht mit anderen Urteilswörtern behangen als heute.

PS: Ich hätte nie gern in der DDR leben wollen, als es sie noch gab. Wohl auch nicht können – angesichts der bürgerlichen Zurichtung meiner Existenz. Um so bedauerlicher, dass mit diesem Interview eine Gelegenheit verpasst wurde, dasjenige besser kennen zu lernen, was uns zu seinen Lebzeiten fremd geblieben war…

  1. 8 Reaktionen

  2. Von Uwe am 6. Apr 2012 um 22:26 Uhr

    Solange jedenfalls unsere Generation lebt würd der
    Name Erich Honecker sicher nicht verschwinden (auch aus dem
    Wortschatz nicht.) Auch nicht wie das Leben in der DDR wirklich war.(so 1970 bis 1989) vorher haben wir noch nicht gelebt.
    Auch Altkanzler können sich irren , gibt ja so viele davon
    so viel wie die letzten Präsidenten des Landes und wie hießen
    sie alle äh schwer.
    …mal bye gauck auf der hp nachgucken was er so anstellt in seinem „hohen“ Amt 😳

  3. Von buffalo1961 am 7. Apr 2012 um 07:54 Uhr

    In diesem Zusammenhang darf nicht unerwähnt bleiben,dass in der TV-Reportage das Thema Rente der Margot Honecker zur Sprache kam.Sie beklagt die Höhe – m.E. setzt sich der Betrag aus Ihrer eigenen Rente und der anteiligen Witwenrente von Erich H. zusammen.Jetzt im Vergleich:Erich von Manstein,Generalfeldmarschall und Scherge Hitlers,war Berater beim Aufbau der Bundeswehr,bezog eine Generalspension.Freya Barschel,Witwe des zweifelhaften MP Uwe Barschel aus S.-H.,bezog und bezieht auch weiterhin eine hohe Witwenpension.Von solchen Beträgen kann Frau Honecker nur träumen.Auf dem rechten Auge sind die „Regierigen“ in der BR Deutschland nicht nur blind,sondern denken ideologisch.

  4. Von Mischka am 7. Apr 2012 um 16:06 Uhr

    Ich habe mir das Interview bzw. die Rportage angeschaut. Wie man mit das Ehepaar Honecker umgegangen ist unter aller Entwürdigung, das zeigte den Charakter der sogenannten Wendehälse der einst so acht Geliebten Genossen der SED nicht einer war bereit das Ehepaar unterkunft zu geben.Hinzukommt noch die Verlogenheit von Zwangsadoption die In der DDR gewesen sein sollte, ja bitte schön wo sollte man die Kinder lassen,bzw unterbringen auf der Müllkippe, gehts noch? Wenn die von ihren Eltern im stich gelassen werden, nur weil sie illegal nach drüben abgehauen sind um die „Freiheit“ zu schnuppern.Das Interview hatte ein Effekt den Sozialismus In der DDR madig zu machen,zu verunglimpfen, weil es schon einige Denkende Bürger gibt im Land die den Kapitalismus kritisch gegenüber stehen,sich gedanken machen über einer Alternative zu diesen Raubtierkapitalismus. Und mit solch einer Hetzpropaganda will man den Bürgern eintrichtern sich ertst garkeine Gedanken zu machen über eine Gesellschafftsordung ohne Ausbeutung, Unterdrückung und Krieg.Und Die Duko kam auch wieder zur passenden Zeit-sind mal wieder Wahlen in Deutschland angesagt.

  5. Von maxlrainer am 9. Apr 2012 um 21:59 Uhr

    Ihr werft hier allen Ernstes und im Gestus der hochmoralischen Empörung den Siegern, der Exekutive des Kapitals, vor, daß sie die Besiegten Kommunisten nicht nach deren Kriterien menschenwürdig behandeln? Wie bescheuert können denn „Kommunisten“ eigentlich sein?

  6. Von gewe am 10. Apr 2012 um 17:38 Uhr

    Tja mein lieber maxlrainer, so bescheuert sind wir Kommunisten. Wir wollen einfach nicht aufhören, von einer besseren Welt zu träumen – komme da was wolle. Damit der Traum war wird, muss man dem geBILDeten Arbeitsvolk manchmal erklären, was für ein Lumpenpack dieses veraltete Gesellschaftssystem am Leben hält und welch alte Verräter da fleißig mithelfen und wie sie das tun. Du magst das als hochmoralische Emporung sehen. Wir sehen das wohl etwas anders. Auf jeden Fall eine Gelegenheit, die man nicht auslassen sollte, um der Wahrheit ein winizges Stück weiter ans Licht zu verhelfen. Na klar, dauert und braucht viel Zeit. Aber unsere Sonne macht es noch einige Milliarden Jahre. Ob es der Kapitalismus so lange noch macht, werden wir sehen.

  7. Von maxlrainer am 12. Apr 2012 um 12:23 Uhr

    Ach so, ´tschuldigung, das hab´ ich nicht gemerkt, daß sich das rote Blog und die Kommentatoren an´s Proletariat (Kommunisten verwenden den Begriff, weil sie einen Begriff davon haben, nicht „Arbeitsvolk“) richten. Dann agitiert mal schön weiter!
    (Und ja, bleibe beim „bescheuert“, genau das ist es nämlich, – ich wiederhole mich in der Hoffnung, daß es hilft – der Exekutive des Kapitals vorzuwerfen, daß sie Klassenkampf betreibt.)

  8. Von gewe am 15. Apr 2012 um 09:48 Uhr

    Ja mein lieber maxlrainer, nichts gegen Deine ehrliche Meinung und dass Du uns auf unsere Betrachtung der Dinge aufmerksam machst. Ich wiederhole mich ebenfalls, es kommt der Tag, wo die Machtverhältnisse wieder anders gestaltet werden. Dann wird die Executive des Kapitals über die Diktatur des Proletariats heulen. So wie sie heute immer noch heulen, dass ihnen hier in einem Teil des Landes 40 Jahre die Ausbeutung des Proletariats nicht möglich war. Sie haben uns in dieser Zeit und auch bis heute noch vorgeworfen, Klassenkampf zu betreiben. Die Rolle der Bescheuerten nach Deinem Weltbild wechselt halt mit der Macht. Das ist nun mal so Realität. Das ist aber kein Grund, die Mißstände der derzeitigen Gesellschaft zu benennen und dem Proletariat zu erklären.
    Selbstverständlich haben wir hier nicht die millionenfache Verbreitung unserer Ansichten. Doch gut 400 Leser hatte dieser Bloggeintrag. Nicht jeder davon wird unserer Meinung sein. Einige wohl schon. Andere wird es je nach sozialer Situation zum Nachdenken anregen und so werden wir einen kleinen Beitrag zur erforderlichen Aufklärung in den Köpfen der ausgebeuteten Menschen liefern. Jeder progressiv denkende Mensch ist eingeladen, das ebenfalls zu tun, mit uns und anderen darüber zu diskutieren. Damit bereiten wir die Zeiten vor, wo wir es erneut versuchen müssen und hoffen aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt zu haben.
    Nun kannst Du uns gern bescheuerten Optimismus vorwerfen. Doch Marxisten haben eine wissenschaftliche Grundlage für ihren Optimismus und diese kann täglich neu auf die Probe gestellt werden.

  9. Von maxlrainer am 15. Apr 2012 um 11:30 Uhr

    Nur damit ich da nicht falsch verstanden werde: Das Interview mit Frau Honecker und seine mediale Verwurstung zur Kenntnis zu bringen in einem parteilichen Beitrag ist völlig ok. Nicht jeder kann und will sich ja der Mühe unterziehen, die Schweinemedien ständig zu scannen. Mein harscher Einwurf bezog sich – wenn auch nachlässigerweise nicht ausdrücklich – auf die Kommentare von buffalo1961 und mischka.

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