Vor 10 Jahren: Hochwasser 2002

Heute bringe ich noch mal einen Artikel, den ich so schon 2007 veröffentlicht habe. Das Hochwasser von 2002 in Dresden und weiteren Orten nördlich des Erzgebirge. Die Elbeflut kam erst ein paar Tage später an, die größere Katastrophe war für Dresden vor allem die über die Ufer getretene Weißeritz.

Was damals meterologisch geschah beschreibt ein Artikel bei wetter.com.

Es war der 13. August 2002. Ich kam morgens von der letzten Nachtschicht und habe bis Mittags geschlafen, als es plötzlich heftig an meiner Tür klopfte. Ich finde es ja lästig, wenn Leute nicht die Klingel benutzen aber ein Blick zum nicht funktioniernden Radiowecker klärte zumindest das. Ach, Stromausfall. Na vielleicht wieder mal eine Bombe auf einer der umliegenden Baustellen gefunden und jetzt holt die Polizei wieder jeden einzeln aus der Wohnung. Alles schon erlebt.

Schlaftrunken öffnete ich, doch einer meiner Hausmitbewohner stand vor der Tür: „Wir müssen hier raus!“ Ich: „Wassn los?“ Er meinte, ich solle mal aus dem Fenster schauen. Ich also raus auf dem Balkon, und was soll ich sagen… Ich bin nicht leicht aus der Fassung zu bringen aber da klappte mit die Kinnlade wortwörtlich runter. Die Straßen und Wiesen waren alle weg und ich sah nur noch braunen Wasser.

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Da war ich baff. Ich vermutete erst, da ist vielleicht irgendwo eine Hauptwasserleitung geplatzt oder das hat es durch eine Gully gedrückt. Aber solche Mengen! Ich telefonierte mit meinem Vater, der wohnt in Dresden-Leuben, bei dem lief schon die Nacht zuvor alles voll. (Als ich morgens halb Sieben von der Nachtschicht kam, war bei uns noch alles trocken.) Mein Vater klärte mich dann auch darüber auf, dass das alles aus dem Gebirge kam. Das war hier am Hauptbahnhof trotzdem schwer nachzuvollziehen, weil da hinter Südhöhe noch ein Tal kommt. Später habe ich dann erfahren, dass die Wassermassen aus der ca. 2 Kilometer entfernten Weißeritz direkt durch den Bahnhof ins Stadtinnere geflosssen sind. Man kann sich ja vieles vorstellen, aber das die Teile der Stadt derart geflutet werden könnte, das glaubten wohl die Allerwenigsten. Oder wie mein Vater sagte: „Man denkt ja, dass das von der Elbe mal kommen könnte, aber aus der anderen Richtung…“

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Ich bin dann in kurzen Hosen durch das mehr als knietiefe Wasser bis zum Kino „Kristallpalast“ gewatet, dort bekam ich das erste mal trockenen Boden unter die Füße. In einem reisenden Strom floss das Wasser von der St. Petersburger Straße in die Tiefgarage am Kino. In der Stadt herrschte ein Chaos, besonders am Postplatz. Ab Zwinger Richtung Bahnhof Mitte stand das Wasser ja auch. Straßenbahnen fuhren im elb-südlichen Stadtteil gar keine mehr, dafür jede Menge Ersatzbusse. An der Stelle muss man sagen, alleine was die Verkehrsbetriebe da geleistet war enorm. Das ganze war eine Stimmung, wie man sie sonst nur aus Katahstrophenfilmen kannte. Berechtigterweise, denn das war ja wirklich eine Katastrophe.

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Ich lief schließlich bis auf die Neustädter Seite rüber, wo ich mir eine Taschenlampe und ein batteriebetriebenes Radio besorgen konnte. Abends war es besonders gespenstig. Absolut duster. In der ganzen Innenstadt um die Prager Straße herum war der Strom weg. So dunkel habe ich diese Gegend noch nie gesehen. Nur in der Ferne, aus Richtung Westen, hörte man die ganze Zeit die Hubschrauber, die die Krankenhäuser evakuierten.

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Am nächsten Morgen war das Wasser im Gebiet um den Hauptbahnhof wieder abgeflossen doch eine dicke Schlammschicht bedeckte die Straßen. Alle Keller standen bis obenhin voll. Es dauerte eine Woche, bis wir wieder Strom hatten und Wochen, bis auch die Tunnel und Tiefgaragen leergepumpt waren. Noch Monate später brummten die Trockengeräte in den Kellern der Häuser.

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Die Elbeflut die in den nächsten Tagen folgte, betraf meine Wohngegend nicht mehr. Trotzdem gingen auch diese Tage nicht an mir vorbei. Als der Fluß immer weiter anstieg und letzlich unglaubliche nie für möglich gehaltene 9,42 Meter erreichte, musste ich darum bangen, von der Arbeit im nordlichen Dresden über die Brücken überhaupt wieder heimzukommen. Man sah ständig Kolonnen von Krankenwagen, das THW in seinen blauen Autos und Hubschrauber. Wo es mir möglich war in meiner Freizeit half ich beim Sandsäche vollschaufeln mit.

Heute sind die Schäden alle weitgehenst beseitigt. Der Bahnhof ist einer der schönsten im Land geworden.


Die Fotos stammen von einem meiner Hausmitbewohner und dürfen nicht weiter kopiert werden.

  1. 4 Reaktionen

  2. Von Andreas am 12. Aug 2012 um 17:46 Uhr

    Ist das schon wieder 10 Jahre her. Und das Hochwasser in meiner Heimat ist auch schon wieder 2 Jahre her. Wie die Zeit vergeht. Ich denke solche lokalen extremen Hochwasser / Unwetter werden in nächster Zeit zunehmen.

  3. Von Woschod am 12. Aug 2012 um 21:38 Uhr

    Vermutlich schon. Allerdings gab es diese Hochwasser, die aus dem Erzgebirge immer wieder mal schon in der Vergangenheit. Aber die Menschen dachten halt, wenn 70 Jahre nichts passiert ist…

  4. Von Hexe Sophia am 12. Aug 2012 um 22:58 Uhr

    Wie wahr ;-)…. schöner Text und hoffentlich… nie nie wieder so ein Chaos….

  5. Von Rainer am 25. Sep 2012 um 14:35 Uhr

    Und plötzlich sind die Erinnerungen wieder wach. Ich war damals geschäftlich viel in der Gegend von Dresden unterwegs. Man sah zum Teil beim Überfahren einer Brücke nur rechts und links: Wasser. Zum Bahnhof: Gebe ich Dir recht. Er wird jedoch vom Leipziger Bahnhof leicht geschlagen …

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