Ernst Thälmann an seine Tochter Irma, 1936
… Wenn unser Name heute in Deutschland auch geächtet wird, so weiß ich doch, daß viele Menschen ihn mit Freude nennen und davon hören. Du bist das einzige Kind eines Mannes, der sein ganzes Leben der Arbeiterbewegung zur Verfügung gestellt hat. Du mußt Dein Leben so führen, daß Du als Mädchen, als meine Tochter, Dich dessen würdig zeigst. Bald werden die Aufgaben, die das Leben stellt, stärker an Dich herantreten, und im Kampf mit ihnen wirst Du die starken und schwachen Seiten Deines Charakters kennenlernen. Das höchste Gebot in diesem Kampf, das ist und bleibt die sittliche Haltung und Grundeinstellung. Ohne sie gibt es keinen Aufstieg und kein Vorwärtskommen zum Besseren. Das ist ehernes Gesetz. Bewahre Dir einen hohen Respekt vor den Weisungen Deiner Mutter. Alle Eindrücke, die Du empfängst – versuche Dich mit ihnen auseinanderzusetzen und reihe sie ein in Dein Fühlen und Denken. Auch in meiner Jugend haben oft kleinste Erlebnisse meinen Weg bestimmt. Und große Dinge haben sich damals für immer in mein Innerstes eingeprägt und mir meine Stellung zur Gesellschaft gezeigt.
Der große Hafenarbeiterstreik in Hamburg vor dem Kriege, das war der erste sozialpolitische Kampf, der sich für immer in mein Herz einprägte. Der Dreyfus-Prozeß in Frankreich, der Burenkrieg, das sind Dinge, die großen Einfluß auf die Gestaltung meines künftigen Lebens gehabt haben. Lies die Werke unserer großen Dichter Goethe, Schiller, Lessing und unseres Fritz Reuter. Und wenn Dich eine Idee erfaßt, so begeistere Dich an ihr. Aber diese Fähigkeit, sich für eine Sache zu begeistern, die muß der Mensch haben. Wo sollte er sonst die Kraft hernehmen, zu kämpfen und den anderen verstehen zu können? … Ich kann nicht bei Dir sein und Dich führen und lenken, aber im Geiste bin ich immer bei Dir und verfolge Deinen Weg…
Ernst Thälmann
[Berlin, Ende Oktober/Anfang November 1936]




