Mein Bericht kommt diesmal spät, es war ein anstrengender und langer Tag.
ABER EIN ERFOLGREICHER TAG!
Die Nazis, dresden-nazifrei.com spricht von 600-800, haben ein grandiose Fiasko erlebt. Konnten sie es im letzten Jahr am 13. Februar Abends immerhin noch um ein paar Häuserblocks schaffen, erreichten sie diesmal nicht mal ihren geplanten Startpunkt. Die Polizei musste sie alternativ zum Hauptbahnhof und zum Haltepunkt Strehlen führen. Am Hauptbahnhof schafften sie es gerade mal 100 Meter an die frische Luft, die von Strehlen wurden bis zum Lenéplatz eskortiert und steckten dann bis zu ihrem unrühmlichen Abgang dort fest.
Aber von Anfang an.
Zwischen 12.30 und 13.00 Uhr begann der Täterspurenmahngang. Die Auftaktrede hielt Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrat der Muslime in Deutschland. In zwei weiteren Redebeiträgen wurde auf die Leitstelle der Gestapo hingewiesen, die sich am heutigen Friedrich-List-Platz befand, sowie auf die Rolle der Technischen Hochschule in der Nazizeit.
Dann setzte sich die Demonstration in Bewegung. Weitere Stopps waren die Bürgerwiese 24 (Sitz der NSDAP Gauleitung), das Deutsche Hygiene-Museum und schließlich die Synagoge. Dort sprach Dr. Nora Goldenbogen, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Dresden.
Mit ca. 3000 Teilnehmern legte der Mahngang seinen nächsten Zwischenstopp an der ehemaligen Gefangenenanstalt Mathildenstraße ein. Danach spaltete sich der Zug auf. Ein Teil lief weiter bis zum heutigen Landgericht an der Sachsenallee, der andere Teil bewegte sich in Richtung Kreuzung Güntzstraße / Pillnitzer Straße.
Es war bis zu den Zeitpunkt völlig unklar, wo die Nazis ihren Startpunkt haben werden. Geplant war der Bereich Sachsenallee, Gerüchte sprachen auch vom Hauptbahnhof. Letztlich gab es drei besetzte Blockadepunkte. Sachsenplatz, Güntzstraße und Straßburger Platz.
Gegen 17.30 Uhr lief ich in Richtung Innenstadt. Dort begann 18.00 Uhr die Menschenkette. Ich habe selten so etwas Peinliches gesehen. Punkt 18.00 Uhr, nachdem noch Diskussionen stattfanden, wie weit man denn auf die Straße vorgehen darf, fassten sich alle schön an den Händen. Nach 10 Minuten war es vorbei, man beklatsche sich gegenseitig und verschwand dann recht schnell wieder nach Hause oder noch zum Einkaufen. Was bitte sehr war das denn? Ich musste mich echt schämen, als ich das live gesehen habe. Ich kann es ja verstehen, dass nicht jeder den Mut hat, Nazis offensiv zu blockieren und es ist gut, wenigstens so ein Zeichen zu setzen. Aber erreicht wurde damit absolut gar nichts. Und sich dafür noch zu beklatschen…
Zurück zur Blockade. Nach einem kleineren Umweg über die drei vorgenannten Blockadepunkte war mein nächstes Ziel der Hauptbahnhof. Dort waren inzwischen ca. 100 Nazis angekommen. Die konnten raus bis knapp unter die Unterführung und dann war Schluss. Da standen sich dann die Nazis und zehnmal so viele Antifaschisten gegenüber, nur getrennt durch eine Doppelreihe Polizei. Die Situation war nicht ungefährlich. Wäre eine der beiden Seiten massiv losgestürmt, hätte die Polizei keine Chance gehabt, da etwas zu trennen.
Vom Lenéplatze hörte man inzwischen, dass sich die Nazis dort mit Regenschirmen gegen die Schneebälle schützen mussten. Nachdem ich ein paar Freunde getroffen habe, die dort waren, bin ich selber hingelaufen. Es war ein grandioses Schauspiel. 200 Nazis standen auf der Parkstraße und vor und hinter ihnen unzählige Antifaschisten. Es gab also wortwörtlich kein Vor und Zurück für die Nazis. Der Redner der Nazis überschlug sich regelrecht mit seiner Stimme, als er gegen das Linke Pack wetterte, das es bis in die Landesregierung geschafft hat, alle zu beeinflussen. Jaja, was ist nur aus dieser BRD geworden… Später wurden dann Fackeln gezückt und voller Inbrunst in die Luft gereckt. Am Ende lagen diese aber doch brennend am Boden. Waren wohl zu schwer. Die Krönung war aber sicherlich, als die Nazis sich wahrlich nicht entblödeten, laut zu rufen: „STASI RAUS! STASI RAUS!“. Ich habe Tränen gelacht. Was für ein selten dämlicher Haufen! Und egal, was sie skandierten oder über ihren Lautsprecher verbreiteten, die Rufe und die Musik der Antifaschisten von beiden Seiten war lauter. Nach viel Geduld der Blockierer konnten die Nazis schließlich spät am Abend wieder Richtung Strehlen abziehen. Eine Zeitlang noch begleitet von der antifaschistischen Demo.
Fazit: Nazis, überlegt Euch nächstes Jahr, ob ihr nochmal kommen wollt. Dieses Jahr seid ihr mit Pauken und Trompeten untergegangen. Und das ist auch gut so!
ab 9.30 Uhr: Erinnerung und Mahnung an die Kriegstoten und die Opfer des faschistischen Terrors 1933-1945.
01129 Dresden, Moritzburger Landstraße 299, Ehrenhain der Opfer des Faschismus auf dem Heidefriedhof Dresden
Vertreter der Regionalorganisationen des Kommunistischen Aktionsbündnisses Dresden (KAD): DKP, FDJ, KPD, KPF, RFB, RotFuchs, VVN-BdA gedenken der Kriegstoten und Opfer des faschistischen Terrors und mahnen mit dem Niederlegen von roten Nelken mit weißer Rose am Obelisken der Fédération Internationale des Réstistants (FIR), im Rondell der an KZ und durch Flächenbombardements “ausradierten Städte” mahnenden Stelen sowie auf den Massengräbern am Wege zur Mahnwand des 13. Februar 1945: Nie wieder Krieg – Nie wieder Faschismus! (Schwur von Buchenwald).
ab 12.30 Uhr: Aktionsbündnis °nazifrei-dresden stellt sich quer”: Mahngang auf den Spuren der Täter
Stadtzentrum, Start am Friedrich-List-Platz (Hauptbahnhof)
Wie 2012 durch das Aktionsbündnis dresden-nazifrei erfolgreich mobilisiert und wirksam wider die geschichtsrevisionistische Propaganda praktiziert wird der Marsch 2013 mit Halts und Kundgebungen an bedeutsamen Orten der faschistischen Herrschaft und ihrer Verbrechen aufklärerisch wirken.
Das Kommunistische Aktionsbündnis Dresden unterstützt diese Aufklärung. Ca. 14.30 Uhr wird der Gedenkmarsch an der FIR-Stele Pillnitzer Straße (Haftanstalt Mathildenstraße) zur Erinnerung und Information über den faschistischen Justizort Dresden einen Halt einlegen. Der Abschluß des Marsches wird am stillgelegten Eliasfriedhof/Ziegelstraße sein.
- Wachsam sein! Nicht lange fackeln; Nazis blockieren! -
ab 15.00 Uhr: Einladung der Oberbürgermeisterin der Stadt Dresden zum Gedenken an die Opfer des Krieges und der Dresdner Bombenangriffe vor 68 Jahren
Die Teilnehmer versammeln sich an der Skulptur “Tränenmeer”/Feierhalle
VVN-BdA gedenkt am Obelisken FIR der Widerstandskämpfer gegen den Faschismus und der Aktivisten der ersten Stunde des Aufbaus einer antifaschistisch-demokratischen Ordnung in Dresden.
Der Gedenkzug bewegt sich auf dem Mittelweg über das Rondell zur Gedenkmauer. Die Oberbürgermeisterin der Landeshauptstadt Helma Orosz hält an der Gedenkmauer eine Rede.
Bustransfer aus der Stadt zum Heidefriedhof und zurück stellt die Landeshauptstadt. Haltestellen: www.13februar.dresden.de/de/veranstaltungen/heidefriedhof
ab 17.00 Uhr “Mit Mut, Respekt und Toleranz – Dresden bekennt Farbe” – Menschenkette
Die Oberbürgermeisterin der Landeshauptstadt, Fraktionen des Stadtrates, Vertreter von Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur, Sport, Gewerkschaften, Kirchen, Jüdische Gemeinde und andere Organisationen und Initiativen rufen auf, gemeinsam zu handeln “im Erinnern an das Geschehene, im Engagement für Frieden, Demokratie und Menschenrechte, im friedlichen und gewaltfreien Widerstand gegen Rechtsextremismus.” ( Aufruf www.13februar.dresden.de/de/aufruf ).
Die Menschenkette soll am Rathaus beginnend um das Stadtzentrum gegen 18.00 Uhr geschlossen sein.
Aktionsbündnis dresden-nazifrei: alle gewaltfreien Formen des Protestes und des Widerstandes sind legitim. Im Vordergrund steht die Mobilisierung möglichst vieler Dresdner und Gäste auf den Straßen der Stadt gegen das Agieren der Nazis!Massenblockaden der Naziaufmärsche zur tatsächlichen Verhinderung von Naziaufmärschen bleiben das wirksamste Mittel, ihren Machanspruch zu stoppen.
Bleibt wachsam! Nicht lange fackeln! xxx Nazis blockieren!
16. Februar 2013, 10.00 Uhr: Antifaschistischer Widerstand, gestern und heute
01809 Heidenau, Dresdner Str. 26, Drogenmühle
Bildungsveranstaltung der RotFuchs-Regionalgruppe Dresden mit der Referentin Erika Baum (85), Antifaschistische Linke Berlin, DKP
Autos und Barrikaden brennen auf den Straßen, dunkle Rauchsäulen steigen zwischen Blaulichtern am Horizont auf, Feuerwerkskörper explodieren. Menschen schreien wild durcheinander, Flaschen und Steine fliegen in die Menge, schrill ertönt das Martinshorn. Wasserwerfer sind im Einsatz, Reizgas wabert durch die Luft.
Uiuiui! In welcher Dimension existiert denn dieses Dresden?
Na zumindest im weiteren Verlauf wird Spiegel online da sachlicher, es geht um Tim, der fast zwei Jahre in den Knast soll, weil er Zivilcourage gezeigt hat. Und zu Gefängnis statt Bewährung verurteilt wurde er, weil er von seinem Recht Gebrauch gemacht hat, die Aussage komplett zu verweigern.
Laut den Worten seines Verteidigers konnte der Angeklagte Tim H. weder eindeutig als derjenige identifiziert werden, der die fragliche Durchsage gemacht hatte, noch konnte deren Wortlaut, die Menschenmenge solle »nach vorne« kommen, eindeutig als Aufforderung zur Gewalt verstanden werden. So spiegelte auch die mündliche Urteilsbegründung des Richters Hans-Joachim Hlava eher dessen persönliche Meinung über das »gesunde Volksempfinden« wieder: »Irgendwann hat die Bevölkerung in Dresden es mal satt«, zitierte ihn die Tageszeitung Neues Deutschland (ND) am Donnerstag.
Dresden, 16.1.: Amtsgericht Dresden verurteilt Demonstranten zu einem Jahr und zehn Monaten ohne Bewährung. Der 36-Jährige wurde wegen der Proteste gegen den Naziaufmarsch im Februar 2011 u.a. wegen Landfriedensbruch angeklagt.
Das Amtsgericht Dresden verurteilte am Mittwoch den Angeklagten zu einer Haftstrafe von einem Jahr und zehn Monaten ohne Bewährung. Im Februar 2011 demonstrierten in Dresden tausende Demonstranten gegen Europas größten Naziaufmarsch und verhinderten ihn letztendlich durch Straßenblockaden. Die Staatsanwaltschaft hatte in ihrer Anklage eine mehrjährige Haftstrafe gefordert – konnte jedoch weder eindeutige Beweise noch belastbare Augenzeugenberichte vorlegen. Er soll andere Menschen per Megafon dazu angestiftet haben, Polizeiketten zu durchbrechen. Während der Demonstrationen gegen den geplanten Naziaufmarsch war es mehrfach zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Polizeibeamten gekommen. Im vergangenen Dezember begann der Prozess.
Sein Anwalt bezeichnete das Urteil als klaren Präzedenzfall, der abschreckend wirken soll. Er kündigte an, gegen das Skandalurteil Berufung einzulegen. „Ein Augenzeuge, dessen Beschreibung nicht annähernd auf den Beschuldigten passt, Videomaterial, das keinerlei Beweise enthält und schließlich eine schwarze Kapuzenjacke – das waren die wesentlichen Argumente der Staatsanwaltschaft“, sagt Silvio Lang, Pressesprecher des Bündnisses Dresden Nazifrei!.
„Dieses Urteil ist purer Populismus! Ermittlungen in sehr ähnlichen Fällen sind schon längst mangels Beweisen fallen gelassen worden“, sagt Lea Sandberg, die von 2010 bis 2012 ehrenamtlich im Bündnis Dresden Nazifrei! aktiv war. „Vor den Demonstrationen im Jahr 2010 sollte antifaschistischer Protest durch großangelegte Razzien diskreditiert werden. Nun soll ein Exempel statuiert werden und dazu geht die Repression einen krassen Schritt weiter. In dem mündlichen Urteilsspruch stellte der Richter noch mal klar, „dass die Dresdner Bevölkerung solche Krawalltouristen satt habe“. Ein Gericht spricht ein Urteil, das jeglicher Grundlage entbehrt und dessen einzige Begründung die kalkulierte, abschreckende Wirkung ist.“
Pressemitteilung des Berliner Ko-Kreises des Bündnisses Dresden Nazifrei
Folgender Text stammt vom DGB – Region Dresden-Oberes Elbtal
Filmvorführung und Diskussion mit Fanprojekt und DGB am Tag der Einheit
Als am 03. Oktober 2012 die Zuschauer und Podiumsteilnehmer in der Business-Lounge des „glücksgas-stadion“ der SG Dynamo Dresden zur Filmvorführung und Diskussion mit dem bekannten Journalisten und Enthüllungsautor Günter Wallraff Platz genommen haben, ist schon eine ganze Menge passiert. Ein Ost-West Gipfel der „anderen Art“ am Tag der Einheit. Wallraff hatte sich vor mehr als drei Jahren in dem Dokumentarstreifen „Schwarz auf Weiß“ „im speziellen“ auch mit Fans von Dynamo Dresden während eines Auswärtsspiels bei Energie Cottbus beschäftigt. Die Fans fühlten sich von Wallraff vorgeführt, zeigten doch die Bilder seines Films jede Menge betrunkene und rassistische Entgleisungen der vermeintlichen Dynamos. In dem 60 Minuten dauernden Film zeigen scheinbar teils belanglose Alltagszenen, unter welchen Umständen dunkelhäutige Mitbürger empfangen und herabwürdigend behandelt werden. Wohl gemerkt: In ganz Deutschland! Gezeigt werden in „Schwarz auf Weiß“ aber auch offene bedrohliche Angriffe, die z.B. nur durch das beherzte Eingreifen einer Polizistin entschärft werden konnten.
Der Film- und Buchautor hatte den Fans irgendwann im Zuge der gegenseitigen Kritik eine Diskussion versprochen, die nun im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Tatort Stadion“ vom Fanprojekt Dresden und dem DGB Dresden in Kooperation ausgerichtet wurde. Gemeinsam mit dem Erich-Zeigner-Verein aus Leipzig wurde die am Feiertag sehr gut besuchte Veranstaltung schon dadurch ein Erfolg, dass man endlich miteinander und nicht übereinander diskutierte. Ganz wie im realen deutsch deutschen Zusammenleben, wo zu oft übereinander geredet wird. Zwei Tage nach seinem 70. Geburtstag machte Wallraff letztlich seinem Namen alle Ehre und feierte nicht im Münchner Festbierzelt, sondern setzte sich mit brennenden Themen unserer Zeit auseinander. Zum 50. hatte er mit Vietnamesen aus Rostock-Lichtenhagen gefeiert und seinen 60. verbrachte er in Afghanistan, in einer von ihm unterstützten Mädchenschule. Im Stadion des Fußballclubs Dynamo Dresden wurde zunächst verhalten, später jedoch sehr emotional diskutiert. Letztlich ging es um eine weitreichende Frage, mit der sich Viele im Land beschäftigten: Ob der Fußball ein besonders Problem mit Rassismus hat?
Aber zurück zum Gegenstand der Diskussion. Zum Film als Kunst, kann man ja durchaus unterschiedlicher Meinung sein. In jedem Fall: Der Dokumentarfilm geht allerdings wirklich dahin, wo es richtig weh tut! Wo einem das Lachen über den Normalbürger in Deutschland im Halse stecken bleibt. Da wird schier hoffnungslose Wohnungssuche gezeigt, die an der fremdenfeindlich eingestellten Vermieterin scheitert. Ungeschminkt und dümmlich formuliert sie es zusammenfassend in die Kamera: „Der ist ja so schwarz, wie Heidi Klump ihrer.“ Sie hat natürlich nicht vor, dem „Ali“ die Wohnung zu vermieten, „weil so einer ja nicht hierher passt.“ Basta! Oder da wird die niedliche Schrebergartengesellschaft im Berliner Stadtteil Marzahn vorgeführt, die wie im Mikrokosmos demonstriert, wie mitten unter uns Vorurteile transportiert werden. Wenn der auf dem Gartenfest mit tanzenden Kindern erschienene verkleidete „Schwarze“ Wallraff dann auch noch selbst ein Schreberhäuschen anmieten will, dann ist klar, dass die Kleingartensparte vor angeblicher Überfremdung geschützt werden muss. In Windeseile wird von Fröhlichkeit auf nackte Ausländerfeindlichkeit umgeschaltet. Da ist der mit „Roberto Blanco“ titulierte Fremde nicht mehr willkommen!
Und natürlich werden auch die angetrunkenen und vom Unentschieden des Fußballspiels gegen den Rivalen Cottbus genervten Fans gezeigt, die den „Schwarzen“, ob seiner puren Existenz im Schmerz des Punktverlustes als menschliche Provokation verstehen. Die den bis zu Unkenntlichkeit geschminkten Wallraff im besten Fall ungläubig anstarren, im schlechterem Fall aber offen attackieren. Nein, die im Film gezeigten Dynamo-Fans wollen ganz deutlich mit „Schwarzen“ nichts zutun haben. Sie wollen ihn weder im Bus mitnehmen oder im Fanzug auf der Rückreise „ertragen“. Im Gegenteil „der soll mal dahin gehen, wo er hingehört.“ Und damit meinen die nicht Dresden.
Die am Feiertagnachmittag nach der Filmvorführung stattfindende Diskussion, an der auch der Geschäftsführer von Dynamo Dresden Christian Müller und Grit Hanneforth vom Kulturbüro Sachsen auf dem Podium teilnehmen, entwickelt sich zu einer spannenden Debatte. Die Dynamo-Geschäftsführung kommt dabei trotz etlicher Aktivitäten und unbestreitbarer Erfolge bei der Bekämpfung von Rechtsextremismus im eigenen Stadion in erstaunlicher Weise aus der Defensive nicht heraus. Immer wieder fühlt sich der Geschäftsführer gemüßigt, sich zu verteidigen. Er verweist auf den neuen dunkelhäutigen Stürmerstar Poté, der aktuell die wichtigsten Tore schießt. Ein gelungenes Zeichen von Integration also. Oder die hervorragende Arbeit des Fanprojektes Dresden, welches mit großem Engagement mit den Fans unmittelbar zusammen arbeitet. Und ganz offensichtlich auch viel für ein weltoffenes Image des Vereins tut. Auch zahlreiche Wortmeldungen während der Diskussion von Fans der SG Dynamo selbst zeigen, dass man keinesfalls alle Fans von Dynamo über einen Kamm scheren sollte. Ein Verein mit über 14.000 Mitgliedern und vielleicht 25.000 Besuchern am Wochenende kann selbst redend keinesfalls „alles im Griff haben“. Das erwartet aber auch Keiner! Aber die Haltung der Klubführung selbst und des sozialen Umfeldes wird hinterfragt. Sinniger Weise wird von den eigenen Fans nachgefragt, warum szenetypische Kleidung wie Thor Steiner im Stadion nicht nur geduldet, sondern offensichtlich von Ordnern getragen wird.
Dynamo hat eigentlich keinen Grund, sich bei der Thematik der Bekämpfung von Fremdenfeindlichkeit zu verstecken. Als Sportverein, der medial massentauglich agiert, und in dem hohe Emotionen transportiert werden, stellt er schlichtweg ein „Spiegelbild“ der Gesellschaft wider. Und die ist, wie wir nicht erst seit den NSU-Enthüllungen wissen, alles andere als frei von Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit. So wird denn auch in der Diskussion deutlich, dass die gegenseitige Kritik der Fans von Dynamo Dresden an dem filmischen Werk von Günter Wallraff gewissermaßen ein „Missverständnis“ ist. So wird es vom Autor selbst formuliert. Während der Veranstaltungsrunde im Stadion wird keiner Fragestellung aus dem Weg gegangen. Klar wird auch: Wallraff will provozieren, auch um das Alltägliche deutlich zu machen.
Dass auch der Fußball ein besonderes Problem mit Rassismus im und um das Stadion hat, wird auch an diesem Nachmittag im Diskurs deutlich. Auch in der Ausstellung „Tatort Stadion“, dass sozusagen den Ball des Deutschen Fußballbundes (DFB) aufnimmt und sich der Rassismusproblematik stellt. Beim in Dresden sehr beliebten Fußballverein und in seinem Umfeld ist offensichtlich die Bereitschaft gewachsen, sich auch mit den weniger schönen Tatsachen des Sports zu beschäftigen. Die Diskussion am 03. Oktober 2012 war dabei kein Anfang, aber ein interessanter weiterer Meilenstein. Dass die Beschäftigung des Themas aus der Mitte des Fanprojektes heraus getragen wird, sollte die Experten positiv aufhorchen lassen. Ist Fußball doch eine der Hauptrekrutierungsfelder der rechtsradikalen Szene. Natürlich nicht nur in Dresden.
Im Folgenden veröffentliche ich ebenfalls einen offenen Brief einer Gruppe von Women und People of Color. Er ist insbesondere an das Bündnis Dresden Nazifrei gerichtet, ich denke aber, jeder sollte sich damit auseinandersetzen. Er zeigt, wie schwierig es ist, auch als überzeugter Antifaschist sich so zu verhalten, dass man wirklich antifaschistisch und diskriminierungsfrei handelt. Der Brief ist meiner Meinung vor allem ein Denkanstoss.
“Sehr geehrte Organisator_innen des Bündnisses Dresden Nazifrei,
wir sind eine Gruppe von Women und People of Color und waren am Samstag, den 18.2.2012 bei der Demonstration in Dresden. Wir haben uns sehr darüber gefreut, dass die Nazis nicht marschieren konnten. Umso ärgerlicher, dass schnell erkennbar wurde wie klein der gemeinsame Nenner in dem Bündnis ist und es keinen Konsens bezüglich rassistischer und sexistischer Normalitäten in dem Bündnis gibt. Es war sehr enttäuschend und verletzend, dass sich die Demo gleich zu Beginn mit ihrer Auftaktband selbst als weiß konstituiert und damit allen Menschen in der Demo, die sich als PoC positionieren und Rassismuserfahrungen machen (und anders selbstbezeichnen) eine Absage erteilt.
Schon auf der ersten Kundgebung vor dem Dresdner Hauptbahnhof begann die Auftaktband Lieder mit sehr fragwürdigem Inhalt zu spielen und damit einen Konsens von rassistischer Normalität zu etablieren, indem sie Begriffe rassistischer Markierungspraxis wie N-/I-/Z- Wörter verwendet. Das mag in der Absicht passiert sein, sich von Nazis abzugrenzen und deren Ideologie zu dekonstruieren, hat aber in erster Linie Rassismus (re-) produziert. Und ihr als Bündnis bietet Menschen dafür eine Bühne.
Das ist schlichtweg ignorant und kann nur aus weißer Sichtweise witzig sein. Für uns People of Color ist Faschismus und Rassismus eine schmerzhafte Realität und keinesfalls eine gute Satire!
Wenn nicht gesehen wird, dass die Band und weiße Aktivist_innen diese Begriffe nur aufgrund von weißen Privilegien ertragen können, während es für andere in der Demo eine Reproduktion der alltäglichen, rassistischen Erfahrungen ist, ist der einzige Effekt, dass hier ein weißes Selbstverständnis der weißen linken antifaschistischen Szene und Bewegung reproduziert und etabliert wird, das den Ausschluss von Menschen mit Rassismuserfahrung schon im Ansatz beinhaltet.
Hinzu kommt, dass auf den unterschiedlichen Lautis Musik lief, in/mit der weiße Antifamännlichkeiten sexistische und rassistische „Reviermarkierungen“ von sich geben. Wenn weiße (nicht nur) Antifajungs sich hinstellen und das N-Wort grölen dann signalisiert das Herrenrassenverhalten; sich über alle Stimmen derer die Rassismus erleben hinweg zu setzen mit der Gewissheit sich als weißer Mensch die Definitionsmacht aneignen zu können.
Zuletzt hat eine weiße männliche Band Rroma Lieder gespielt und alle tanzten. Denkt bitte darüber nach wer, wann und wo welche Lieder spielen sollte! Das ist purer Kulturkannibalismus und für die Rromni unter uns wieder mal ein Schlag ins Gesicht!
Die Liedauswahl auf den Lautis wurde auch in sexistischer Hinsicht im Laufe der Demonstration schmerzhaft. Was fällt euch ein, auf einer Demonstration sexistische Lieder wie “Mambo Number Five” und “Barbie Girl” zu spielen? Mit dieser Anbiederung an den sexistischen und rassistischen Mainstream verharmlost ihr den Grund, weshalb überhaupt demonstriert wird. Eure Demonstration wurde dadurch zur Party, Antirassismus und Antifaschismus zum Film, den sich weiße Deutsche für ein paar Stunden in Dresden ansehen und dann wieder nach Hause fahren können. Und im schlimmsten Fall geben sie sich dafür noch einen Cookie.
Apropos Cookie: Warum habt ihr die ganze Zeit über Lobeshymnen für euch gesungen? Sicher ist es erfreulich, dass Nazis nicht marschieren können, aber sich die ganze Zeit über selbst dafür zu loben, ist absolut unangebracht. Glaubt ihr der Rassismus ist damit besiegt? In diesem Land sind rassistische Denkstrukturen in allen Köpfen tief verankert. Und ja, auch in euren! Im Übrigen ist es die Pflicht, keine Heldentat jedes_r weißen Deutschen etwas gegen Rassismus und Faschismus zu tun. Rassismus ist ein Problem der Weißen, das PoCs und Schwarze ausbaden müssen. Das Verhindern eines Naziaufmarsches ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein in einem Land, in dem Rassismus strukturell und institutionell verankert ist. Es ist nicht mehr, als das Einfordern eines Mindestmaßes. Wir sehen darin keinen Grund eine fette Party zu veranstalten, denn für uns gehen die rassistischen Erfahrungen im Alltag weiter. Und die Erfahrungen auf dieser Demonstration haben gezeigt, dass sie nicht mal in diesem Bündnis für den Moment einer Demo aufhören. Das Mindestmaß ist kein Grund sich auf Selbstlob auszuruhen, denn ein Großteil der Menschen in der Demo mussten sich Rassismus und Sexismus antun, Verletzungen und Ausschluss gefallen lassen um dieses Mindestmaß (nach außen) zu tragen.
Auch eine vorgebliche Solidarisierung weißer Aktivist_innen ändert nichts daran, wenn weiße Aktivist_innen nicht ihre Privilegien und Kompliz_innenschaft überdenken. Ganz im Gegenteil.
Auf der Demo haben weiße Teilnehmer_innen mit Kofiyye die Kurdistan- und die Palästina-Flagge geschwungen. Das ist eine Aneignung von Kämpfen, die vorhandene Machtstrukturen reproduziert. Das ist nicht nur rassistisch, sondern auch neokolonialistisch. Haben die Eltern weißer Demonstrierender den Krieg und die Verfolgung in Kurdistan und/oder Palästina miterlebt? Sind sie etwa selbst Kurd_innen oder Palästinenser_innen? Nein! Demnach müssen sie sich zunächst mit ihren Privilegien als Weiße in der deutschen Gesellschaft auseinandersetzen, eines dieser Privilegien ist es zum Beispiel nicht über Flucht- und Rassismuserfahrungen zu verfügen, die Kurd_innen, Palästinenser_innen und andere PoCs Tag für Tag erleben. Ihr wollt solidarisch sein? Dann hört auf euch unsere Kämpfe anzueignen! Solidarisiert euch ohne gleich für andere zu sprechen.
Als PoC haben wir uns in eurem weißem Mob unsichtbar gemacht und unterrepräsentiert gefühlt, als Women of Color noch viel mehr. Es haben mehrheitlich weiße Männer gesprochen und die Redebeiträge waren sehr verletzend. Leidet ihr etwa unter Rassismus? Step aside the subaltern speaks!
Es wurde von ‚Ausländern‘ gesprochen, aber PoCs, Menschen die Rassismuserfahrungen machen, gemeint. Damit habt ihr eine Vielzahl von Menschen fremdbezeichnet und sie auch noch als Nicht-Deutsche qualifiziert. Ihr habt wieder einmal deutsch als weiß definiert und damit vielen Menschen abgesprochen in dieses Land gehören zu können. Faschismus und Rassismus scheißen aber auf Staatszugehörigkeit oder glaubt ihr die Nazis haben erst nach dem Perso gefragt? Was Faschismus und Rassismus aber bewirken, und ihr schön stützt, ist Menschen zu vermitteln, dass sie keine Rechte, keine Stimme, keine Zugehörigkeit, keine Berechtigung haben, weil sie Menschen sind, die nicht in die rassistische Vorstellung von weißem Deutschsein passen. Und das funktioniert hervorragend indem man sie als Ausländer markiert und pauschalisiert, denn als solche haben sie ja per se keine Rechte.
Eine Awareness für die Themen (Hetero-)Sexismus und Rassismus in euren Strukturen – egal in welchen Teilen des fragmentierten Bündnisses – bleibt dringend nötig! Rassismus bekämpfen bedeutet nämlich in erster Linie bei sich selbst anzufangen, demzufolge sollten sich alle erst einmal mit ihrer Whiteness und den daraus folgenden Privilegien auseinandersetzen und eine solche Auseinandersetzung auch in die Bündnisse tragen.
Wenn ihr tatsächlich wollt, dass es eine antifaschistische Bewegung gibt, dann müsst ihr anfangen nachzudenken was euer eigener Anteil an dem seltsamen Fakt, dass bei diesen Aktionen wenig Frauen und noch viel weniger Women of Color und People* of Color zu treffen sind!
Und für den Fall, dass sich gerade eine Gegenwehr bei euch regt von wegen die kommen ja nicht; das ist nicht die Aufgabe von Menschen mit Rassismuserfahrungen, sondern es ist die Verantwortung weißer (männlicher) Aktivist_innen die eigene Kompliz_innenschaft zu reflektieren und daraus handlungswirksame Konsequenzen zu ziehen.
Was auch immer das nächste Jahr bringt, Whiteawareness und konkret der Ausschluss von Musik mit rassistischen Begriffen gehören in den Konsens des Bündnisses. Wir fordern Whiteawareness- und Antisexismus- Teams die auf jedem Lauti ansprechbar sind und intervenieren und eine Mehrheit von People, Women, Queers, Trans* und Men of Color als Sprecher_innen!
Wir behalten uns vor diese E-Mail und ihre Antwort(en) zu Dokumentationszwecken zu veröffentlichen.”
Ihr dürft mal raten, wer diesen Mist geschrieben hat.
(…) Die bunte Mischpoke von „Dresden Nazifrei“, wo vermeintliche Linke, Sozialisten und Kommunisten, unbeirrt zusammen mit Antideutschen Kriegstreibern, bürgerlichen Kapitalisten sowie parasitären Ein-Punkt-(Anti)faschisten, Nazis blockieren wollen, haben sich doch tatsächlich gegen Faschismus und Krieg auf ihre Fahnen geschrieben, Heuchelei! Im Aufruf wird die erfolgreiche Zusammenarbeit der Vorjahre gefeiert, weil es immer mehr Menschen wurden die sich vom Kapitalismus, ohne es beim Namen zu nennen, auf einen Nebenkriegsschauplatz umleiten ließen. Denn schließlich will sich die bunte Mischpoke unter gar keinen Umständen durch die Extremismustheorie spalten lassen und sich lieber solidarisch zusammenschließen, dabei werden dann auch schon mal ein oder beide Augen zugedrückt , um mit dem angeblichen Feind gegen einen anderen konstruierten Feind zu demonstrieren bzw. diesen zu blockieren. So schafft man sich seine ganz eigene „Volksgemeinschaft“. Die bürgerliche Herrschaft hat ihr Ziel erreicht, sie hat eine Linke nach ihren Vorstellungen, jetzt wird dies nur noch weiter perfektioniert. (…)