Archiv für die Kategorie ‘Schriftsteller & Dichter’

Man sollte nicht zu kritisch sein

Bertolt Brecht

Man sollte nicht zu kritisch sein

Man sollte nicht zu kritisch sein.
Zwischen ja und nein
Ist der Unterschied nicht so groß.
Das Schreiben auf weißes Papier
Ist eine gute Sache, auch
Schlafen und abends essen.
Das frische Wasser auf der Haut, der Wind
Die angenehmen Kleider
Das Abc
Der Stuhlgang!
Im Hause des Gehenkten vom Strick zu reden
Ist nicht schicklich.
Und im Dreck
Zwischen Lehm und Schmirgel einen
Scharfen Unterschied zu finden
Das geziemt sich nicht.
Ach
Wer von einem Sternenhimmel eine
Vorstellung hat
Der
Könnte eigentlich sein Maul halten.

arte sucht den besten Dramatiker – Wir schlagen Peter Hacks vor

Gastbeitrag von Felix Bartels (www.peter-hacks.de)

Liebe Freunde,

der Fernsehsender arte hat eine Umfrage gestartet, die sich zum Ziel gestellt hat, den besten Dramatiker aller Zeiten zu ermitteln. Zu diesem Zweck wurde eine Liste von 50 Dramatikern erstellt, aus der man 10 Dramatiker nominieren kann. Auf dieser Liste finden sich erstklassige Namen, aber auch erstklassiger Schrott. Und leider fehlen auch drei Dramatiker, die aufgrund ihrer Klasse und ihres Erfolges vertreten sein müßten: Peter Hacks, Pierre Corneille und Aristophanes.

Es gibt jedoch die Möglichkeit, einen weiteren Namen zu nominieren. Diesen Namen kann man nur dann eingeben, wenn man bereits regulär 10 Dramatiker aus der Liste ausgewählt hat.

Da ich annehme, daß sich zugunsten des großartigen Aristophanes und des göttlichen Corneille genüngend andere Verfechter finden werden, bitte ich Euch, Peter Hacks als Euren 11. Dramatiker zu nominieren. Es haben schon viele desgleichen getan, und da arte ein Sender ist, der eher von der Klasse als von der Masse lebt, haben wir eine gute Chance, den Hacks auf die Liste zu bekommen, auf die er einmal gehört.

Für die, die Wert auf mein Urteil legen, empfehle ich zur weiteren Wahl:
Sophokles, Aischylos, Euripides, Goethe, Schiller, Racine, Molière, Shakespeare, Shaw, Brecht, Lope de Vega, Nestroy, Kleist oder Lessing.

Abgestimmt wird auf der Website von arte. Leider ist der Server von arte.tv/de häufig offline. Wenn der Link also nicht gleich funktioniert, dann versucht es bitte später noch einmal.

Wenn Ihr mir noch einen Gefallen tun wolltet, dann laßt nicht unversucht, Eurerseits Bekannte und Verwandte zur Wahl von Peter Hacks zu animieren.

Weiter Informationen finden sich hier im Forum von www.peter-hacks.de.

Bestens grüßt,
nicht ohne freundlichen Dank,

Felix Bartels

PS: Die Abstimmung läuft nur noch ein paar Wochen, also wenn Ihr stimmen wollt, dann tut es bald.

Bertolt Brecht: “Der Jude, ein Unglück für das Volk”

Wie die Lautsprecher des Regimes verkünden
Sind in unserm Land an allem Unglück die Juden schuld.
Die sich immerfort mehrenden Mißstände
Können, da die Führung sehr weise ist
Wie sie oft betont hat
Nur von den sich immerfort vermindernden Juden kommen.
Nur die Juden sind schuld, daß im Volk Hunger herrscht
Obwohl die großen Grundbesitzer sich auf den Feldern zu Tode arbeiten
Und obwohl die Ruhrkapitäne nur die Brosamen essen, die von der Arbeiter Tisch fallen.
Und nur der Jude kann dahinterstecken, wenn
Für das Brot der Weizen fehlt, weil
Das Militär für seine Übungsplätze und Kasernen
So viel Boden beschlagnahmt hat, daß er
an Umfang einer ganzen Provinz gleichkommt. Da also
Der Jude für das Volk ein Unglück ist
Kann es hiemit für das Volk nicht schwer sein
Einen Juden zu erkennen. Es braucht dazu
Weder Geburtsregister noch äußere Merkmale
- Alles dies kann ja täuschen – es braucht nur zu fragen:
Ist der oder jener Mensch ein Unglück für uns? Dann
Ist er ein Jude. Ein Unglück erkennt man
Nicht an der Nase, sondern daran, daß
Man einen Schaden hat dadurch. Es sind nicht die Nasen
Die das Unglück sind, sondern die Taten. Es braucht einer
Da doch keine besondere Nase, um
Das Volk berauben zu können, er braucht doch nur
Zum Regime zu gehören! Jeder weiß
Daß das Regime für das Volk ein Unglück ist, wenn also
Alles Unglück vom Juden kommt, muß
Das Regime vom Juden kommen. Das ist doch einleuchtend!

Bertolt Brecht – “Alfabet” (1934)

Adolf Hitler, dem sein Bart
Ist von ganz besondrer Art.
Kinder, da ist etwas faul:
Ein so kleiner Bart und ein so großes Maul.

(…)

Die Dichter und die Denker
Holt in Deutschland der Henker.
Scheinen Mond und Sterne nicht
Ist die Kerze das einzige Licht.

(..)

Gehorsam ist ein großes Wort
Meistens heißt es noch: sofort.
Gern haben’s die Herrn.
Der Knecht hat’s nicht so gern.

Hindenburg war ein schlechter General
Sein Krieg nahm ein böses Ende.
Die Deutschen sagten: Teufel noch mal
Den machen wir zum Präsidente.

(…)

Reicher Mann und armer Mann
Standen da und sahn sich an.
Und der Arme sagte bleich:
Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.

(…)

(Das ganze Gedicht)

Der tote Liebknecht (von Rudolf Leonhard)

Der tote Liebknecht

Seine Leiche liegt in der ganzen Stadt,
in allen Höfen, in allen Straßen.
Alle Zimmer
sind vom Ausfließen seines Blutes matt.

Da beginnen Fabriksirenen
unendlich lange
dröhnend aufzugähnen,
hohl über die ganze Stadt zu gellen.
Und mit einem Schimmer
auf hellen
starren Zähnen
beginnt seine Leiche
zu lächeln.

Rudolf Leonhard wurde während des 1. Weltkrieges zu einem entschiedenen Kriegsgegner und kämpfte später an der Seite von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. 1928 nach Frankreich übergesiedelt, gründete er 1934 den “Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller im Ausland”. Später kämpfte er auch im Spanischen Bürgerkrieg gegen das Regime Francos. Während der deutschen Besatzung Frankreichs war er im Untergrund tätig, er wurde auch interniert, konnte aber fliehen. 1947 nahm er am Ersten deutschen Schriftstellerkongress teil und siedelte 1950 nach Ost-Berlin in die DDR über.

Einen Überblick über sein literarisches Werk erhält man bei der Deutschen Nationalbibliothek.

Von dem Gedicht “Der tote Liebknecht” gibt es eine sehr schöne Vertonung der italienischen Dark Wave-Formation Kirlian Camera. Diese Band ist allerdings sehr umstritten, da sie neben Vertonungen jüdischer Schriftsteller auch Stilmittel benutzt, die im Allgemeinen dem Rechtsextremismus zugeschrieben werden und auch Textpassagen aus dem rechten Bereich nutzt. Siehe dazu auch der Text bei Wikipedia.

Bertolt Brecht “An den Schwankenden”

An den Schwankenden

Du sagst:
Es steht schlecht um unsere Sache.
Die Finsternis nimmt zu. Die Kräfte nehmen ab.
Jetzt, nachdem wir so viele Jahre gearbeitet haben
Sind wir in schwierigerer Lage als am Anfang.

Der Feind aber steht stärker da denn jemals.
Seine Kräfte scheinen gewachsen. Er hat ein unbesiegliches Aussehen angenommen.
Wir aber haben Fehler gemacht, es ist nicht zu leugnen.
Unsere Zahl schwindet hin.
Unsere Parolen sind in Unordnung. Einen Teil unserer Wörter
Hat der Feind verdreht bis zur Unkenntlichkeit.

Was ist jetzt falsch von dem, was wir gesagt haben
Einiges oder alles?
Auf wen rechnen wir noch? Sind wir Übriggebliebene, herausgeschleudert
Aus dem lebendigen Fluß? Werden wir zurückbleiben
Keinen mehr verstehend und von keinem verstanden?

Müssen wir Glück haben?

So fragst du. Erwarte
Keine andere Antwort als die deine!

Bertold Brecht – Lied einer deutschen Mutter

Mein Sohn, ich hab dir die Stiefel
Und dies braune Hemd geschenkt:
Hätt ich gewußt, was ich heute weiß
Hätt ich lieber mich aufgehängt.

Mein Sohn, als ich deine Hand sah
Erhoben zum Hitlergruß
Wußte ich nicht, daß dem, der ihn grüßet
Die Hand verdorren muß.

Mein Sohn, ich hörte dich reden
Von einem Heldengeschlecht.
Wußte nicht, ahnte nicht, sah nicht:
Du warst ihr Folterknecht.

Mein Sohn, und ich sah dich marschieren
Hinter dem Hitler her
Und wußte nicht, daß, wer mit ihm auszieht
Zurück kehrt er nimmermehr.

Mein Sohn, du sagtest mir, Deutschland
Wird nicht mehr zu kennen sein.
Wußte nicht, es würd werden
Zu Asche und blutigem Stein.

Sah das braune Hemd dich tragen
Habe mich nicht dagegen gestemmt.
Denn ich wußte nicht, was ich heut weiß:

Es war dein Totenhemd.

Brecht und Hacks über Stalin

Quelle: offen-siv Heft 07/2006 “Kurt Gossweiler: Brief an Robert Steigerwald”

Zwei deutsche Dichter, 1956, nach Chruschtschows berüchtigter Geheimrede:

Peter Hacks:

Er blickt sehr würdig, seiner / sehr sicher auf die Stadt
Unangestrengt wie einer, / der sie gerettet hat.
Der plumpe Narr Nikita / zog ihn aus dem Betrieb
Er tat es seinem Gebieter / in Washington zulieb.

Berthold Brecht:

Der Zar hat mit ihnen gesprochen / mit Gewehr und Peitsche
Am blutigen Sonntag. Dann / sprach zu ihnen mit Gewehr und Peitsche
Alle Tage der Woche, alle Werktage / der verdiente Mörder des Volkes.
Die Sonne der Völker / verbrannte ihre Arbeiter
Der größte Gelehrte der Welt / hatte das kommunistische Manifest vergessen.
Der genialste Schüler Lenins / hat ihn aufs Maul geschlagen.
Aber jung war er tüchtig / aber alt war er grausam
Jung / war er nicht Gott
Der zum Gott wird / wird dumm.

Kurt Gossweiler schrieb dazu in dem in offen-siv veröffentlichten Brief an Robert Steigerwald:

Brechts oben zitiertes Gedicht ist in der Tat der in wenige Zeilen zusammengefasste giftigste Kern von Chruschtschows Stalin-Verdammungsrede. Er, Brecht, den alle Kommunisten so schätzen und verehren als den unversöhnlichen Feind der Ausbeuter und deren Ruhmredner und als den ebenso klugen wie leidenschaftlichen Verteidiger der kommunistischen Sache – Brecht erkannte nicht, was der US-Außenminister John Foster Dulles sehr klar erkannt und triumphierend ausgesprochen hat, als er am 11. Juli 1956 in einer Rede voller Zuversicht voraussagte, “Die Anti-Stalin Kampagne und ihr Liberalisierungsprogramm haben eine Kettenreaktion ausgelöst, die auf lange Sicht nicht aufzuhalten ist.”

Eine Fabel von B. Brecht

Der Skorpion

Der Skorpion trifft einen Frosch, er fragt den Frosch:
Kannst Du mich auf Deinen Rücken nehmen und über den Fluss tragen?
Der Frosch sagt: Nein, das tu ich nicht, denn dann wirst Du mich in der Mitte des Flusses stechen, und wir ertrinken beide.
Aber das ist doch nicht vernünftig, antwortet der Skorpion, dann würde ich ja auch sterben. Ja, antwortet der Frosch also gut, ich werde Dich über den Fluss tragen.
Als der Frosch mit dem Skorpion auf dem Rücken in der Mitte des Flusses schwimmt, sticht der Skorpion den Frosch in den Rücken.
Bevor beide ertrinken, spricht der Frosch: Warum hast Du das getan? Das ist doch nicht vernünftig, jetzt ertrinkst Du auch!
Und der Skorpion antwortet ihm, weißt Du, ich bin halt ein Skorpion, das ist mein Charakter, und das hat nichts mit Vernunft zu tun.

PS: Diese Fabel steht nicht umsonst in der Kategorie “Kapitalismus“.

Gedenken an Ernst Thälmann

Heute vor 62 Jahren wurde Ernst Thälmann von den deutschen Faschisten ermordet.

Thälmannlied

Heimatland, reck deine Glieder,
kühn und beflaggt ist das Jahr
Breit in den Schultern steht wieder,
Thälmann vor uns wie er war.

Thälmann und Thälmann vor allen,
Deutschlands unsterblicher Sohn.
Thälmann ist niemals gefallen -
Stimme und Faust der Nation.

Maßlos gequält und gepeinigt
blieb er uns treu und hielt Stand
in seinem Namen geeinigt
kämpf um dein Leben mein Land.

Thälmann und Thälmann vor allen,
Deutschlands unsterblicher Sohn.
Thälmann ist niemals gefallen -
Stimme und Faust der Nation.

Das ihre Waffen zerbrechen,
schirmen wir Brücke und Wehr;
geben der Welt das Versprechen,
standhaft zu bleiben wie er.

Thälmann und Thälmann vor allen,
Deutschlands unsterblicher Sohn.
Thälmann ist niemals gefallen -
Stimme und Faust der Nation.

Träumen und drängen und bauen,
wird auch der Rhein wieder frei!
Brechten den Feinden die Klauen,
Thälmann ist immer dabei!

Thälmann und Thälmann vor allen,
Deutschlands unsterblicher Sohn.
Thälmann ist niemals gefallen -
Stimme und Faust der Nation.

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